Mittwoch, 10. März 2010

Musikalische Allgemeinbildung?

Zweimal Musikpädagogik: 1. Julia Spinola in der heutigen FAZ über „Lebenselixier“ Musik und „Entmusikalisierung der Republik“. All die „tatkräftigen und phantasievollen Intitiativen der Kulturstiftungen, Landesverbände, Orchester, Opernhäuser“ blieben fruchtlos, weil in Sachen Bildungspolitik der Musikunterricht massiv leide. Deswegen beschweren sich Rattle & Co. beim Berliner Bildungssenator aus Angst um die „musikalische Allgemeinbildung“. Die vollbringe nämlich Nachweisbares, so Spinola: „Die Beschäftigung mit Musik, das kann inzwischen auch jeder Bildungspolitiker nachlesen, trainiert unser Gehirn, hilft Krankheiten zu überwinden, verbessert das Sprach- und Ausdrucksvermögen und fördert auf enorme Weise die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“. 2. Der Schulchor PS22 einer öffentlichen New Yorker Schule. Alles ohne Noten und irgendwie ganz schön Abseits von Rattle & Co. und Klugmachsynergien. Der Chor singt Popsongs, ausschließlich sogar. Bei Youtube kursieren unzählige Videos, allzumal versammelt im PS22-Blog. Populär im besten Sinne und so beeindruckend wie authentisch und empfunden dargeboten. Auch schön: völlige Absenz von Chorleitersprech und Orffinstrumenten. Dort im Schulchor jedenfalls dürfte man unter „musikalischer Allgemeinbildung“ etwas anderes verstehen als bei den „phantasievollen“ Landesverbänden und Orchestern. Aber verstanden haben sie etwas.

Samstag, 6. März 2010

Bedeutsame Ereignisse II

Neuschnee.

Mittwoch, 3. März 2010

Bedeutsame Ereignisse I

Kunst ist politisch and so am I. Das Missverhältnis zwischen Output und akademischer Bildung wurde moniert und den Schuh ziehe ich mir ehrlicher Weise an. Interesse gelte von hier und nun an dem Modernediskurs und als Künstler bringe ich mich mit ästhetischen Mitteln und Verve geistvoll in die Kultur- und Erkenntnisbeförderung zugunsten der Allgemeinheit ein. Damit beginne in diesem Blog eine neue Reihe, in der ich aktuelle Gedankengänge publizieren und kontroverse Fragestellungen der Weltöffentlichkeit zuführen möchte. Ein neuer Abschnitt. OMG.
Flussbewohner, Frühjahr 2010
Erster Teil: Ich mochte meinen Augen kaum trauen, aber war das gestern Nachmittag ernstlich eine Bisamratte, die da gemächlich und friedlichen Einklangs mit ihrer anatischen Umwelt im Elstermühlgraben entlang der Liviastraße schwamm? Die Experten wussten nur teilweise Rat. Womöglich sogar eine Biberratte bzw. Nutria. Allein der Schwanz des ungewöhnlichen Tier bemaß reichliche 30 cm. Hoch beeindruckt verließ ich die Brücke in Richtung Rosental.

Mittwoch, 3. März 2010

Heinz Holliger für die Thomaner

Die Ernst von Siemens Musikstiftung bringt erneut ihr Geld unter die Leute. Die Förderungslisten zu studieren ist sehr informativ. Diesmal auch: Leipzig.

Der Thomanerchor wird im Jahr 2012 800 Jahre alt und ist damit einer der ältesten Knabenchöre mit einer ungebrochenen Tradition. Anlässlich dieses Jubiläums beauftragt die Stadt Leipzig fünf namhafte Komponisten mit fünf “Festmusiken für Knabenchor”. Die Uraufführungen werden 2012 im liturgischen Rahmen zu Epiphanias, Ostern, Pfingsten, Reformation und Weihnachten in der Thomaskirche zu Leipzig stattfinden. Die Textwahl der Komponisten ist frei. Die Komponisten sollten den liturgischen Kontext jedoch deutlich werden lassen. Die Ernst von Siemens Musikstiftung unterstützt die Kompositionsaufträge an Hans Werner Henze und Heinz Holliger.

Freitag, 26. Februar 2010

Musik-Stasi im Gewandhaus?

Das Gewandhausorchester tourt durch die USA, nachzulesen im neuen fröhlichen Orchesterblog. Nach einem Konzert im amerikanischen Westen formuliert der Rezensent der Los Angeles Times diesen Schlusssatz:

„For an encore, Chailly told the audience you can never play too much Beethoven and offered a delightfully impish reading of the “Prometheus” Overture, in which he sneaked in a Rossini crescendo. It’s a good thing the musical Stassi no longer prowl the concert halls in Leipzig.“
Man fragt sich gleich: Was ist Stassi? Meint er die Stasi, eine musical Stasi (sic)? Dieselbe Frage findet sich in den Onlinekommentaren:
„Sorry to be lurking here as the spelling and grammar police, but I think you meant “Stasi”?“
Und selbst wenn. Das Fazit liest sich nicht nur provokant, es bleib auch gänzlich verborgen, was damit gemeint sein sollte.

Montag, 22. Februar 2010

Et lux et cetera

Nicht dolle vom Hocker haut mich der Anfang des Requiems („Love Requiem“) von Saed Haddad, das gerade auf SWR2 läuft. „Requiem aeternam dona eis, Domine/et lux perpetua luceat eis“ – darauf muss man erstmal kommen. Aber einen Blick wert: das Flash-Gefetze auf Dr. Haddads Website, auf welcher drei Menüpunkte pragmatisch den wichtigen Dingen des Künstlerdaseins gewidmet sind: „Commissions“, „Prizes & Achievements“ und „Positions & Lectureships“.

Dienstag, 16. Februar 2010

Technologiesynergie mit Fernost

Deutsches Alustangen-Knowhow trifft chinesische Latex-Expertise, woraus – gewissermaßen handmade, bzw. mithilfe einer Bohrmaschine und schwedischem Allzweckklebstoff – prima Percussionzubehör entsteht. Ha! Fünf Superballschlägel! Keine Sinfonie, die sich nicht damit komponieren ließe!

Donnerstag, 11. Februar 2010

Trinitär

Nun doch bittet Griechenland um keine EU-Finanzhilfen, alldieweil nun doch die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ausfiel zugunsten Helene Hegemanns, jener vielverhandelten 17-Jährigen, deren literarische Technik Thomas Steinfeld in der Süddeutschen folgendermaßen beschreibt:

„Man suche sich mindestens eine Metapher von der möglichst schrillen, affektgeladenen Sorte, packe sie in einen Satz, der, ohne dass es dafür eine inhaltliche Notwendigkeit gäbe, von hoher syntaktischer Schwierigkeit ist, und lasse sie, in dem Augenblick, in dem der Leser erkennen will, was es mit dem Vergleich auf sich hat, in die nächste, ebenso unpassende Metapher kippen.“
Und zuletzt eine frohe Neuigkeit aus dem Reich der Neuen Musik: Darmstadt bringt im Sommer sogenannte „Reading Sessions“. Neun Ensembles – darunter Ictus, die Ardittis, das israelische Quintett Ensemble Nikel, Ensemble Recherche und das New Yorker Jack Quartett – konzertieren während der Ferienkurse im Juli und erklären sich darüber hinaus gehend bereit, 4-5 eingesendete Partituren werkstatthalber auszuprobieren und darzubieten. Gute Sache!

Freitag, 29. Januar 2010

Penfield Music Commission Project Contest

So viele Wörter: So müssen echte Projekte heißen! Und Amerikaner brauchen nicht mal Bindestriche. Jedenfalls mit an Bord als Finalist beim, wie gesagt, Penfield Music Commission Project Contest in der Stadt Penfield im Staate New York ist mein alter Blasorchester-Schlager concerto bavarese (2005), der zuletzt im Juni 2009 vom Nordbayerischen Jugendblasorchester fetzig dargebracht ward. Zig Orchesterstimmen samt Partitur nebst zweisprachigem Glossar der wirrsten deutschsprachigen Spielweisungen gingen als Email über die atlantischen Gewässer, hoffend, dass wie betrunken – nur Mut! im Land, da der Biergenuss erst ab dem 21. Lebensjahr gestattet ist, dem Highschool-Orchester (oder seinen Leitern) kein Unbehagen bereitet.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Uraufführung in Leipzig, 21.01.2010

Morgen um 19.30 Uhr beginnt im Großen Saal der Hochschule für Musik und Theater Leipzig das Konzert Musik & Gegenwart 21, darin an vorletzter Stelle die Uraufführung meiner Kammerensemble-Komposition “morbide Luft” aus der Zeit 2006-2007. Es spielt das Ensemble Musik & Gegenwart (Jill Jeschek, Henriette Störel, Christian Scholtz, Cheng-Hsuan Chien, Wolfgang Fischer, Roland Schneider, Elisene Alzola Garamendi, Olof von Gagern, Thomas Lenders) unter der Leitung von Reinhard Schmiedel.

Samstag, 9. Januar 2010

Darmstadt 2010

Die Planung der diesjährigen Ferienkurse konkretisiert sich. Erste ungünstige Nachricht: Stipendien sind nicht vorgesehen. Das wird ein kostspieliger Spaß. Veröffentlicht ist jetzt die Dozentenliste, und siehe da, lieber Paul: doch, doch, Poppe & Thomalla sind von der Partie! Aber auch Chaya Czernowin, Marc Andre und Brian Ferneyhough. Und Lucas Vis & Fels, Liza Lim, Bernhard Lang. Sogar Stefan Fricke, der mir vor allem aus der Dittrich-Forschung bekannt ist, wird für Research-Kurse zugegen sein. IMD Darmstadt, Teilnehmerinfos

Nachtrag: Schöner Text übrigens, Open Space. Man lasse sich das Meeting- und Coaching-Sprech auf der Zunge zergehen und bewundere die eindrucksvolle Dichte klangvoller Schlagworte:

Grundidee ist die Implementierung eines neuen Formats in die Darmstädter Ferienkurse, das neben den gängigen Lehrmodellen (Lehrende-Studierende, Wissende-Lernende) alternative Prozesse des Wissenstransfers eröffnet, gedacht als komplementäres Element innerhalb des altbewährten Lehrbetriebs. Dieses Format basiert auf Prinzipien wie Selbstorganisation, Selbstmotivation, Peer-to-Peer-Netzwerken, Open-Space-Praktiken, also auf Prinzipien, die der Selbstermächtigung des/der Einzelnen dienen. Es soll dem offenen, ungeregelten Austausch von Wissen dienen, formlose Situationen des Erfahrungs-Transfers schaffen und die Möglichkeit für spontane Aktivitäten bieten. Grundelemente dieses Formats sind frei zugängliche und frei nutzbare Räumlichkeiten, basale technische Ressourcen sowie ein leicht zugängliches und flexibles Kommunikationssystem. Diese realen Ressourcen stehen sämtlichen Partizipanten der…
Wow, toll – das Projekt Schreibwerkstatt geht gleich in medias res. Das nenne ich Praxisorientiertheit und Arbeit an konkreten Beispielen!

Freitag, 8. Januar 2010

Weihnachtsoratorium im Gewandhaus

Und zwar volles Brot, alle Kantaten I-VI, keine halben Sachen, heuer, am ersten Freitag nach Epiphanias, gewissermaßen auf den wirklich allerletzten Drücker. Aber warum nicht, kam ja früh mal wieder, das Weihnachtsfest, das ist so schnell verpasst. Zumal McPaper längst beginnt, Faschingsaccessoires auszulegen. Also eine zweite Chance heute, und gleich in der nicht unanstrengenden, sitzintensiven und zum Einnicken einladenden Komplettfassung. Mal eine Pause nach dem dritten Teil (die kündigte Gewandhauschef Schulze persönlich an), und wohl vor allem zugunsten der Kameraleute, damit die sich mal strecken und die Füße vertreten bzw. fünf Minuten hinsetzen konnten.

Chailly leistete ganze Arbeit, der Abend war ein Genuss. Die Lattke-Brüder sangen frisch, der jüngere gab vom Evangelistenthron neben den Bratschen einen prima Und-was-geschah-danach?-Erzähler, der ältere ließ für die Koloraturen enthusiastisch sein Zwerchfell zappeln. Der Dresdner Kammerchor war mit dem besten Orchesterdirigenten der Stadt gut eingespielt, sang herrlich leicht und dynamisch beweglich, am Pult Nummero eins war mein Lieblingskonzertmeister Breuniger besetzt – und seit den Brandenburgischen, die im Übrigen dieser Tage endlich und Gott sei Dank doch noch bei Decca erscheinen, weiß ich längst, dass im Gewandhaus in Sachen J.S. Bach schon die halbe Miete bezahlt ist, sobald Julian Sommerhalder die Trompete bläst!

Lob des Leipziger Publikums: Völlige Applaussicherheit, das lässt einen entspannen beim Zuhören. Allein, das Gehuste dürfte weniger sein. Ich steh an – Hust! – deiner – Hust! – Krippe… – Hust! – … Das geht einfach nicht! Meine Sitznachbarin, die ich bis heute nicht kannte, muss nun noch mit dem Auto nach Halle zurück. Bei dem Schnee – die Arme! Ob Sie und ihr Gatte es schaffen, sehe ich dann beim nächsten Konzert der Aboserie.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Deutschlandradio Kultur/ Lücker

Gefunden in “MusikTexte. Zeitschrift für Neue Musik” Nr. 123, S. 110:

Der Komponist und Kritiker Arno Lücker
von Johannes Kreidler
2. Februar, 0.05-1.00, DLR Kultur