Stefan Beyer
(Bild: Urheberrechtlich geschütztes Archivmaterial, Berlin, November 2009.)
notoriously pyratish
Für Akkordeon solo (2007), UA 12.11.2007 Robert-Schumann-Haus Leipzig, Luka Juhart
Das Werk notoriously pyratish entstand 2007 für den Solisten der Uraufführung, Luka Juhart.
Es huldigt dem in Vergessenheit geratenden maritimen Sozialcharakter des Instruments: dem Schifferklavier. Das Akkordeon ist in (instrumentaler Hinsicht) von großer, geradezu frivoler, Vielseitigkeit. Diese Unbegrenztheit ist dem Matrosen (zumal dem Piraten) gleich. Er ist bindungslos und frei, zugleich demütig, betrunken; und doch den rauen und harten Lebensbedingungen gewachsen; zieht zu Lande durch einige Kiezbordelle (hier: fünf oder sechs, in Fragmenten formalisiert) und kehrt sich zur See ab von den heteronormativen Konservatismen des Festlands (wodurch er seine eigentlich hervorragende Rolle und seine Privilegiertheit für Helden- und Führertum in [seeräuberischen] Männergesellschaften bezeugt, vgl. Blüher, Hans, Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft. 2 Bde, Jena 1917/19).
Der ungebundenen und schattenhaften Welt des Matrosen entspricht das aus Fragmenten bestehende Akkordeonstück. Was bleibt dem treulosen und im Extralegalen tätigen Matrosen, als dem einzelnen Augenblick zu frönen? notoriously pyratish sind Nahaufnahmen, immer haltlos, unbedingt, ab und an halluzinativ.
Schifferklavier und Seeräuberei, da ist viel gemeinsam. Der Ton an Bord ist wild, mal unnachgiebig, mal abrupt oder komatös; das Leben an Bord unstet und unsicher: „Sink the Bismarck!“ steht formelhaft für den festländischen Geist gegen Verwegenes zur See. Es sind fünf oder sechs Fragmente. Unähnlich in Gestalt (mal hölderlinesk lückenhaft, mal musikantisch plump, mal lyrisch, mal rüpelig) doch einander bedingend und ähnelnd im tonlichen Material. Die unterschiedlichen Charakteristika der Abschnitte sind in engen Übergängen, Schnitten und Brüchen miteinander verwirkt (oder, um im Bild zu bleiben: verknotet). Bisweilen emanzipiert sich der Notentext räuberisch von seinem Kontext in der Partitur und von der Aufführung oder bedient sich Vorangegangenem wie auf Kaperfahrt. Wie die Titanic endet auch dieses „Schiff“ mit einem Choral. (Kommentar zur Uraufführung, 2007)
Partitur/Score:

