Löschen und Laden

2015 ❚ Kontrabass ❚ 23′

Begriffe des Seefrachtgeschäfts (lt. Meyers, 1905). Ein zweiteiliges, aber einsätziges Werk. Das „Löschen“ findet buchstäblich statt: Ein 12 Minuten andauernder tiefer Ton, auf zwei Saiten (den beiden tiefsten) zugleich gespielt, sorgt für ein akustisches Phänomen der akustischen Auslöschung, die sogenannte „Differenzfrequenz“. Sie taucht hier in Form extrem (!) niedriger Frequenzen auf, so dass ihre rhythmische Strukturen hörbar werden. Der zweite Teil baut neu auf: Auf allen vier offenen Saiten wird die sogenannte Obertonreihe zum Klingen gebracht – aber nie als einzelne Töne, sondern immer zwei aufeinander folgende Obertöne auf einmal („Spaltklänge“). Geschieht dies auf zwei Saiten, können bis zu vier Tonhöhen gleichzeitig erklingen. Da die harmonische Stimmung der Obertonreihe rein physikalischen Gesetzmäßigkeiten folgt, erscheinen die Obertöne, je höher sie liegen, zunehmend abweichend von den gewohnten, klassischen Stimmungssystem. Weil die Grundtöne der vier Saiten jedoch nicht wie üblich in Quarten gestimmt, sondern auf Obertöne der tiefsten Saite bezogen sind, klingt die Harmonik umso vertrackter.

Das Werk wurde am 13. und 14. November in Paris abgeschlossen, wo ich zur Zeit wohne. Die Erinnerung an die letzten kompositorischen Handgriffe in der Partitur sind stark mit dem Erlebnis der Nachrichten über die Attentate verbunden, die sich in circa zwei Kilometern Entfernung von meiner Wohnung ereigneten. „He will eat his snack like he does every day.“ (Antoine Leiris)

(Stefan Beyer, November 2015)

Besetzung: Kontrabass
Uraufführung: 22.11.2015, Leipzig
Caleb Salgado, Kontrabass
forma Leipzig: Tektonik 4