Neue Konzertsaison 2010/2011 des MDR-Sinfonieorchesters
Das Verhältnis zur neuen Musik bleibt indifferent, ihr Anteil im Konzertprogramm unterbelichtet. Aber eine Überraschung: vonseiten des MDR soll ein Projekt mit den Kompositionsklassen der mitteldeutschen Hochschulen ins Leben gerufen werden.
Soeben stellten im MDR-Gebäude am Augustusplatz die künstlerischen Leiter der MDR-Klangkörper und der Chef dieser Abteilung die neue Konzertsaison vor (PDF-Download bei mdr.de). Neben einer Moderatorin sprachen beim „MDR Klassik Talk“ Howard Arman vom Rundfunkchor, GMD Jun Märkl vom Sinfonieorchester und Carsten Dufner, Hauptabteilungsleiter der Klangkörper.
Zunächst präsentierte man eine neue Konzertreihe. Weil die so besonders sei, dass man gewissermaßen „in der ersten Reihe“ sitze, lautet ihr Name (kein Witz) „Reiheins“. Auch eine Dame im Publikum fragte, wie das nun zu lesen sei, und man darf ihr beipflichten. Die kühne Orthografie ist wohl als keckes Werbedeutsch zu verstehen, um die neuen Konzerte zur Marke zu machen: Wohin man zweimal schauen muss, um zu verstehen, was man eben las, bleibt im Gedächtnis schneller haften, dürfte die Argumentation von Verwaltung, Marketing und Dramaturgie gewesen sein (hoffentlich nicht von der Dramaturgie). Erinnert an „Rhein“ mit heftigen Tippfehlern. Wahrscheinlich soll es „Reih’ eins“ heißen, lustiger ist „Rei Heinz“, oder in besonders kruder Lesart als Emailbetreffzeile mit Apple-Anleihe: „Re: iHeinz“.
„Über Küche sprechen“
Die Konzertreihe widmet sich sechs Ländern oder Regionen, Polen, Südamerika, USA, Italien, Indien und Japan. Das Prinzip nennt sich beim MDR „Musical Landscapes“ und biete dem Publikum, wie es Märkl nennt, ein „Erlebnispaket“. In so einem Paket enthalten sein könnten, erklärt Dufner, „mal Jazz, mal ein Autor, mal Tänzer“. Und Märkl ergänzt, man wolle auch etwas „anbieten, was für den Magen ist. Wir möchten über Küche sprechen“.
Wenn Märkl vom „Erlebnispaket für die Seele“ spricht, „mit Bildern und Projektionen“, was technisch, nicht philosophisch oder psychologisch gemeint ist, klingt das so ernst und bald bizarr, dass Dufners Wort vom „Rundum-Sorglos-Paket“ wie eine zur Sicherheit nachgereichte ironische Übertreibung erscheint.
Kurzum, man wünsche sich eine Ergänzung der Musical Landscapes nicht nur aus den „klassischen Musikbereichen“, sondern denke auch an Bands und traditionelle Gruppen. Nach dem Konzert könne man, visioniert Märkl, „beim Sushi oder Spaghetti sitzen“ und ins Gespräch kommen. Man suche hiermit den „Kontakt mit Menschen“. Ja, „Musikvermittlung, vielleicht kann man das so nennen“. Zum Schluss eine Nachfrage der Moderatorin, die sich selbstkritisch wenden ließe: Ob ein solches Unterfangen vielleicht dazu gedacht sei, um sich „abzusetzen“ von Gewandhausorchester, Semperoper oder Erfurt? Sie fragt sogar, ob solcherlei Projekte nicht eine Stärke der MDR Klangkörper seien – eine Passage, die ich leider nicht wörtlich zu zitieren imstande bin.
Kurz spricht man über die pädagogischen Programme. Zur Kooperation des MDR Sinfonieorchesters mit dem Jugendsinfonieorchester der Stadt äußert Märkl schließlich, dass ihm am Herzen läge, solche Literatur auszuwählen, welche den jungen Menschen von heute besonders nahe sei. Und meint damit Tschaikowski.
Damit sind wir bei der neuen Musik. Die nämlich kein Thema war bei der Präsentation, dank der Fragerunde jedoch angeschnitten werden durfte. Welchen Stellenwert die neue Musik bei den MDR Klangkörpern genieße und ob diese sich der neuen Musik verpflichtet fühlten, wenn ja, wie oder ob sich das in den Konzertsaisons wiederfinde.
Die Frage geht von links nach rechts zunächst an den Chorleiter Howard Arman, der in dieser Sache fein raus ist und sich ausführlich erklärt und verteidigt. Zu Recht: Wenn ein Klangkörper der Stadt – ausgenommen vielleicht die hiesigen Fachensembles Leipzig Sinfonietta von Johannes Harneit und Ensemble Avantgarde von Steffen Schleiermacher (die sich im Übrigen beide aus dem Gewandhausorchester rekrutieren) – es ernst meint mit der lebendigen Musik, mit der Auseinandersetzung heutiger Kunst und Kultur anstelle von der schieren Verwaltung des historischen Repertoires, dann Howard Arman und sein hierfür in der Stadt Leipzig durch seine legendären „Nachtgesänge“ um 22 Uhr in der Peterskirche beliebter exzellenter Rundfunkchor.
„Nur ein kleiner Teil“
Fürs Sinfonieorchester alldieweil könne er nicht antworten. An der Reihe ist Jun Märkl. Er sei gegenüber Chorleiter Arman, der auch Komponist ist, im Nachteil, er selbst sei nämlich „nur Dirigent“, der als Hauptaufgabe ausschließlich reproduziere und deshalb angewiesen sei darauf, dass „gute Musik geschrieben“ würde. Was diplomatisch gemeint gewesen sein dürfte, hingegen in der Sache eine harsche Position ausdrückt. Märkl macht es kurz und drückt sich klar aus: neue Musik sei „nur ein Teil“ der kulturellen Aufgabe. Was angesichts der kaum übertrumpfbaren klassisch-romantischen Werketradition des Mediums Sinfonieorchester zwar schlüssig erscheint, zugleich aber das integrale, schwergewichtige Merkmal der neuen Musik ausblendet: dass sie neu ist. Dass Heute und Gestern dem GMD durcheinander gehen, hatte sich schon offenbart, als er zum Thema Musical Landscapes ernstlich äußerte, an Tschaikowskis „Capriccio Italien“ lasse sich hören, „wie ein Russe Italien“ erfahre. (Im Juli besuche ich die Darmstädter Ferienkurse – ich werde dort Alexander zu den Russen befragen und Felipe zu Italien.) So sei ihm die neue Musik zwar ein „wichtiger“ Teil der Kultur – doch nur ein „kleiner“.
Carsten Dufner, der den Klangkörpern vorsteht, möchte relativieren. Er weist hin auf ein Projekt des Sinfonieorchesters im Festspielhauses Hellerau, wo man sich an einer szenischen Uraufführung beteiligen werde, ebenso wie an einem Konzert beim jungen „impuls Festival“ in Halle [die Website lädt nicht] mit Werken von Elliott Carter und Oliver Knussen. Darüber hinaus überraschte äußerst positiv Dufners Ankündigung, in Zukunft in der Art des aktuellen MDR-Dirigentenforums kooperieren zu wollen mit den Kompositionsklassen der mitteldeutschen Musikhochschulen. Eine tolle Initiative, eine längst notwendige vielleicht, aber sehr willkommen, sinnvoll und zur Freude der Kommilitonen.
„Verkopft“
Kritisch allerdings stünde er Kompositionen gegenüber, für deren Verständnis vorweg „drei Seiten“ Werkkommentar zu studieren seien. Zumal er Abneigung hege gegenüber der Haltung, wie sie vermeintlich die Komponisten verträten, das Publikum sei „zu erziehen“. Zumal ihm in seiner Arbeitszeit bei Rundfunkhäusern vonseiten der Komponisten nicht selten eine kühle Forderungshaltung entgegengeschlagen sei: „Produziert das mal“. (In der Vergangenheit waren in Sachen neuer Musik die Rundfunkstudios in Sachen Tonproduktionen führend gewesen.) Er hingegen wünsche sich von Komponisten ein Zugehen aufs Publikum und den Hörer.
Womit Dufners Bild vom Komponisten gezeichnet war: elitär-arroganter Dünkel, sinnlich nicht nachvollziehbare Musik, selbstzweckorientierte Nischenproduktion. Das Wort „verkopft“ war in seinen Ausführungen (natürlich) nicht ausgeblieben. Da lobe man das Projekt „Reiheins“, schloss die Moderatorin, welches neue Musik in Kontexte einfüge und dadurch nachvollziehbar machte.
Dass es noch etwas anderes geben könnte, was über das Programm entscheidet, abseits von Vorurteilen und Klischees neuer Musik und Komponistenstereotypen, abseits von Publikum, angeblichen Hörpräferenzen und Rezeptionskompetenzen sowie abseits des bald wahnhaften Durchstylens, Labelns und Verwaltens von Kultur, die Sache selbst nämlich: die Komposition, die Auseinandersetzung mit dem Kunstbegriff, blieb außen vor.
Die Crux ist: Präsentiert man dem Publikum nur Zuckerguss und Kompromisse, bleibt die sogenannte neue Musik möglicherweise weiterhin ungeliebt. Allein – neue Musik hatte man dann noch immer nicht gehört.


