Ferneyhough nach Guantanamo?
Man wird nicht herum kommen um Alex Ross, und seine Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, „The Rest is Noise“, lesen müssen. Im nmz-Blog längst lebhaft diskutiert, lauschte ich heute Martin Ebels Rezension im „Büchermarkt“ vom Deutschlandfunk. Das Fazit: Neue Musik sei gar nicht schlimm, man müsse „nur die ideologische Brille absetzen“, und die sei „vor allem eine deutsche“. Alex Ross räume auf mit den Neurosen und Aggressionen sogenannter „Neue Musik Talibans“ und präsentiere den amerikanischen Weg, den „Dritten Weg“ der Moderne „zwischen Ernster und Unterhaltungsmusik“.
Wie immer auch Alex Ross die Thematik behandelt, der Besprechung jedenfalls folgend stehen inhaltliche Fragen und Kontroversen nicht im Mittelpunkt. Vielmehr geht es um Ideologie und „Verbohrtheit“. Die Bösen, die sich dem Publikum verschlössen, und die Guten, die auch rechts und links vom Wegesrand sich umschauten.
„Alex Ross ist davon überzeugt – und der großen Menge an Belegen und Beispielen kann man sich eigentlich nicht entziehen – dass, bis auf wenige verbohrte Ideologen, die Komponisten der Moderne durchaus ein Publikum ansprechen wollten, ein so großes Publikum wie möglich.“Arnold Schönberg mag ein grimmiger Mensch gewesen sein. Doch es wollte doch wohl niemand Karlheinz Stockhausen unterstellen, er habe sich nicht an ein Publikum gewendet! Und auch ein Vollblutmusiker wie Pierre Boulez stört sich an vollen Konzertsälen sicher nicht. Was für eine wirre Kategorie: „durchaus ein Publikum ansprechen“ wollen!
„Und populäre Musik? Kann man eine Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts schreiben, ohne ihren populären Stilrichtungen Rechnung zu tragen? Man kann, und man darf. Alex Ross konzentriert sich auf die Musik, die mehr sein will als Unterhaltung.“
Dieser Bitte nach einer Unterscheidung von „U“ und „E“ (welche das immer auch sein soll), folgt eine widersprüchliche Konfusion:
„Außerdem ist populäre Musik durchaus präsent – als ständige Versuchung, als nagender Vorwurf, aber auch als Einflussgeber- und -nehmer. Viele Jazz- und Popmusiker haben eine klassische Ausbildung, manche haben sogar die Zwölftontechnik studiert. Ein Morton Feldman ließ sich von John Coltranes Jazz anregen, die Popgruppe Velvet Underground übernahm Verfahren der Minimal Music, und auch Brian Eno und David Bowie gehörten zu den Fans von John Cage, La Monte Young oder Philip Glass.“
Es folgen Beispiele:
„Die Beatles nutzten im Song Tomorrow never knows einen Effekt, den sie sich von Stockhausen abgeschaut hatten, und in ihrer Tonbandcollage Revolution 9 ist ein Akkord aus Sibelius’ Neunter Sinfonie zu hören. Aron Coplands Fanfare for the Common Man schließlich erscheint in der Stadionhymne We will rock you von Queen. So werden die Übergänge von U und E fließend.“
Wohl kaum veritable Belege für ein Wechselspiel auf Augenhöhe.
„Das musikalische 20. Jahrhundert, so das Fazit nach einer faszinierenden Lektüre, war kein steriles Labor von publikumsfeindlichen Tüftlern. Alex Ross zeichnet es vielmehr als eine gigantische Werkstatt mit vielen Räumen, in denen gesungen und gefiedelt, mit Tonbandschlaufen oder Sinustönen gearbeitet wird, in denen man sich aber auch gegenseitig besucht, zitiert, bekämpft und bestiehlt.“
Ob steriles Labor oder mit Kerzen am Klavier, ob publikumsfeindlich oder allumarmend – inhaltlich in Sachen Musik klärt das gar nichts. Es ist ja schön, dass, positiv überraschend, Komponisten auch sangen, fiedelten, sich besuchten, liebten und hassten. Nur einen Anhaltspunkt von Substanz, der im Kern die Musik betrifft und nicht das auratische Drumherum, brächte das nicht. – Alex Ross anlesen, mein Vorsatz für 2010!


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