Freitag, 29. Januar 2010

Penfield Music Commission Project Contest

So viele Wörter: So müssen echte Projekte heißen! Und Amerikaner brauchen nicht mal Bindestriche. Jedenfalls mit an Bord als Finalist beim, wie gesagt, Penfield Music Commission Project Contest in der Stadt Penfield im Staate New York ist mein alter Blasorchester-Schlager concerto bavarese (2005), der zuletzt im Juni 2009 vom Nordbayerischen Jugendblasorchester fetzig dargebracht ward. Zig Orchesterstimmen samt Partitur nebst zweisprachigem Glossar der wirrsten deutschsprachigen Spielweisungen gingen als Email über die atlantischen Gewässer, hoffend, dass wie betrunken – nur Mut! im Land, da der Biergenuss erst ab dem 21. Lebensjahr gestattet ist, dem Highschool-Orchester (oder seinen Leitern) kein Unbehagen bereitet.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Uraufführung in Leipzig, 21.01.2010

Morgen um 19.30 Uhr beginnt im Großen Saal der Hochschule für Musik und Theater Leipzig das Konzert Musik & Gegenwart 21, darin an vorletzter Stelle die Uraufführung meiner Kammerensemble-Komposition “morbide Luft” aus der Zeit 2006-2007. Es spielt das Ensemble Musik & Gegenwart (Jill Jeschek, Henriette Störel, Christian Scholtz, Cheng-Hsuan Chien, Wolfgang Fischer, Roland Schneider, Elisene Alzola Garamendi, Olof von Gagern, Thomas Lenders) unter der Leitung von Reinhard Schmiedel.

Samstag, 9. Januar 2010

Darmstadt 2010

Die Planung der diesjährigen Ferienkurse konkretisiert sich. Erste ungünstige Nachricht: Stipendien sind nicht vorgesehen. Das wird ein kostspieliger Spaß. Veröffentlicht ist jetzt die Dozentenliste, und siehe da, lieber Paul: doch, doch, Poppe & Thomalla sind von der Partie! Aber auch Chaya Czernowin, Marc Andre und Brian Ferneyhough. Und Lucas Vis & Fels, Liza Lim, Bernhard Lang. Sogar Stefan Fricke, der mir vor allem aus der Dittrich-Forschung bekannt ist, wird für Research-Kurse zugegen sein. IMD Darmstadt, Teilnehmerinfos

Nachtrag: Schöner Text übrigens, Open Space. Man lasse sich das Meeting- und Coaching-Sprech auf der Zunge zergehen und bewundere die eindrucksvolle Dichte klangvoller Schlagworte:

Grundidee ist die Implementierung eines neuen Formats in die Darmstädter Ferienkurse, das neben den gängigen Lehrmodellen (Lehrende-Studierende, Wissende-Lernende) alternative Prozesse des Wissenstransfers eröffnet, gedacht als komplementäres Element innerhalb des altbewährten Lehrbetriebs. Dieses Format basiert auf Prinzipien wie Selbstorganisation, Selbstmotivation, Peer-to-Peer-Netzwerken, Open-Space-Praktiken, also auf Prinzipien, die der Selbstermächtigung des/der Einzelnen dienen. Es soll dem offenen, ungeregelten Austausch von Wissen dienen, formlose Situationen des Erfahrungs-Transfers schaffen und die Möglichkeit für spontane Aktivitäten bieten. Grundelemente dieses Formats sind frei zugängliche und frei nutzbare Räumlichkeiten, basale technische Ressourcen sowie ein leicht zugängliches und flexibles Kommunikationssystem. Diese realen Ressourcen stehen sämtlichen Partizipanten der…
Wow, toll – das Projekt Schreibwerkstatt geht gleich in medias res. Das nenne ich Praxisorientiertheit und Arbeit an konkreten Beispielen!

Freitag, 8. Januar 2010

Weihnachtsoratorium im Gewandhaus

Und zwar volles Brot, alle Kantaten I-VI, keine halben Sachen, heuer, am ersten Freitag nach Epiphanias, gewissermaßen auf den wirklich allerletzten Drücker. Aber warum nicht, kam ja früh mal wieder, das Weihnachtsfest, das ist so schnell verpasst. Zumal McPaper längst beginnt, Faschingsaccessoires auszulegen. Also eine zweite Chance heute, und gleich in der nicht unanstrengenden, sitzintensiven und zum Einnicken einladenden Komplettfassung. Mal eine Pause nach dem dritten Teil (die kündigte Gewandhauschef Schulze persönlich an), und wohl vor allem zugunsten der Kameraleute, damit die sich mal strecken und die Füße vertreten bzw. fünf Minuten hinsetzen konnten.

Chailly leistete ganze Arbeit, der Abend war ein Genuss. Die Lattke-Brüder sangen frisch, der jüngere gab vom Evangelistenthron neben den Bratschen einen prima Und-was-geschah-danach?-Erzähler, der ältere ließ für die Koloraturen enthusiastisch sein Zwerchfell zappeln. Der Dresdner Kammerchor war mit dem besten Orchesterdirigenten der Stadt gut eingespielt, sang herrlich leicht und dynamisch beweglich, am Pult Nummero eins war mein Lieblingskonzertmeister Breuniger besetzt – und seit den Brandenburgischen, die im Übrigen dieser Tage endlich und Gott sei Dank doch noch bei Decca erscheinen, weiß ich längst, dass im Gewandhaus in Sachen J.S. Bach schon die halbe Miete bezahlt ist, sobald Julian Sommerhalder die Trompete bläst!

Lob des Leipziger Publikums: Völlige Applaussicherheit, das lässt einen entspannen beim Zuhören. Allein, das Gehuste dürfte weniger sein. Ich steh an – Hust! – deiner – Hust! – Krippe… – Hust! – … Das geht einfach nicht! Meine Sitznachbarin, die ich bis heute nicht kannte, muss nun noch mit dem Auto nach Halle zurück. Bei dem Schnee – die Arme! Ob Sie und ihr Gatte es schaffen, sehe ich dann beim nächsten Konzert der Aboserie.

Mittwoch, 6. Januar 2010

Deutschlandradio Kultur/ Lücker

Gefunden in “MusikTexte. Zeitschrift für Neue Musik” Nr. 123, S. 110:

Der Komponist und Kritiker Arno Lücker
von Johannes Kreidler
2. Februar, 0.05-1.00, DLR Kultur

Sonntag, 3. Januar 2010

Ferneyhough nach Guantanamo?

Man wird nicht herum kommen um Alex Ross, und seine Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, „The Rest is Noise“, lesen müssen. Im nmz-Blog längst lebhaft diskutiert, lauschte ich heute Martin Ebels Rezension im „Büchermarkt“ vom Deutschlandfunk. Das Fazit: Neue Musik sei gar nicht schlimm, man müsse „nur die ideologische Brille absetzen“, und die sei „vor allem eine deutsche“. Alex Ross räume auf mit den Neurosen und Aggressionen sogenannter „Neue Musik Talibans“ und präsentiere den amerikanischen Weg, den „Dritten Weg“ der Moderne „zwischen Ernster und Unterhaltungsmusik“.

Wie immer auch Alex Ross die Thematik behandelt, der Besprechung jedenfalls folgend stehen inhaltliche Fragen und Kontroversen nicht im Mittelpunkt. Vielmehr geht es um Ideologie und „Verbohrtheit“. Die Bösen, die sich dem Publikum verschlössen, und die Guten, die auch rechts und links vom Wegesrand sich umschauten.

„Alex Ross ist davon überzeugt – und der großen Menge an Belegen und Beispielen kann man sich eigentlich nicht entziehen – dass, bis auf wenige verbohrte Ideologen, die Komponisten der Moderne durchaus ein Publikum ansprechen wollten, ein so großes Publikum wie möglich.“
Arnold Schönberg mag ein grimmiger Mensch gewesen sein. Doch es wollte doch wohl niemand Karlheinz Stockhausen unterstellen, er habe sich nicht an ein Publikum gewendet! Und auch ein Vollblutmusiker wie Pierre Boulez stört sich an vollen Konzertsälen sicher nicht. Was für eine wirre Kategorie: „durchaus ein Publikum ansprechen“ wollen!
„Und populäre Musik? Kann man eine Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts schreiben, ohne ihren populären Stilrichtungen Rechnung zu tragen? Man kann, und man darf. Alex Ross konzentriert sich auf die Musik, die mehr sein will als Unterhaltung.“

Dieser Bitte nach einer Unterscheidung von „U“ und „E“ (welche das immer auch sein soll), folgt eine widersprüchliche Konfusion:

„Außerdem ist populäre Musik durchaus präsent – als ständige Versuchung, als nagender Vorwurf, aber auch als Einflussgeber- und -nehmer. Viele Jazz- und Popmusiker haben eine klassische Ausbildung, manche haben sogar die Zwölftontechnik studiert. Ein Morton Feldman ließ sich von John Coltranes Jazz anregen, die Popgruppe Velvet Underground übernahm Verfahren der Minimal Music, und auch Brian Eno und David Bowie gehörten zu den Fans von John Cage, La Monte Young oder Philip Glass.“

Es folgen Beispiele:

„Die Beatles nutzten im Song Tomorrow never knows einen Effekt, den sie sich von Stockhausen abgeschaut hatten, und in ihrer Tonbandcollage Revolution 9 ist ein Akkord aus Sibelius’ Neunter Sinfonie zu hören. Aron Coplands Fanfare for the Common Man schließlich erscheint in der Stadionhymne We will rock you von Queen. So werden die Übergänge von U und E fließend.“

Wohl kaum veritable Belege für ein Wechselspiel auf Augenhöhe.

„Das musikalische 20. Jahrhundert, so das Fazit nach einer faszinierenden Lektüre, war kein steriles Labor von publikumsfeindlichen Tüftlern. Alex Ross zeichnet es vielmehr als eine gigantische Werkstatt mit vielen Räumen, in denen gesungen und gefiedelt, mit Tonbandschlaufen oder Sinustönen gearbeitet wird, in denen man sich aber auch gegenseitig besucht, zitiert, bekämpft und bestiehlt.“

Ob steriles Labor oder mit Kerzen am Klavier, ob publikumsfeindlich oder allumarmend – inhaltlich in Sachen Musik klärt das gar nichts. Es ist ja schön, dass, positiv überraschend, Komponisten auch sangen, fiedelten, sich besuchten, liebten und hassten. Nur einen Anhaltspunkt von Substanz, der im Kern die Musik betrifft und nicht das auratische Drumherum, brächte das nicht. – Alex Ross anlesen, mein Vorsatz für 2010!