Todestag und Tabakspfeife in Sachen Anna Magdalena
Neue Musik oh?©. Einmal muss es vorbei sein? Eine heitere Anekdote, heute: Ich erhielt die Kompositionsausschreibung eines Leipziger Chors, nicht zu Land, nicht zu Wasser, sondern per Email, darunter die Bitte ‚Äûum geeignete Ver??ffentlichung‚Äú. Gern. Wie folgt:
Ausschreibung eines Kompositionsauftrgs zu Ehren Anna Magdalena BachsIn besagtem Notenb?ºchlein ‚Äûf?ºr Anna Magdalena Bach, einer Sammlung, die Johann Sebastian‚Äú (man duzt sich?) ‚Äûgemeinsam mit seiner Frau anlegte‚Äú, findet sich als Nr. 20 ein Loblied aufs Tabakrauchen: ‚ÄûDrum schmauch ich voll Zufriedenheit/ zu Land, zu Wasser und zu Haus/ mein Pfeifchen stets in Andacht aus‚Äú. Das k??nnte der Bringer sein als Ausgangsmaterial f?ºr prima choralkantatigmotettigen Singsang im 21. Jahrhundert. Diese Ausschreibung alldieweil ist geeignet, von einem gewissen Blog der neuen musikzeitung besprochen zu werden.Ausgangspunkt: Im Jahr 2010 j?§hrt sich der Todestag von Anna Magdalena Bach zum 250. Mal: Bachs zweite Ehefrau starb am 27. Februar 1760. Sie schenkte ihrem Mann 13 Kinder; Zeitzeugen schilderten sie als kluge, musikalische und talentierte Frau, sie trat als ‚Äûf?ºrstliche Kammers?§ngerin‚Äú in K??then in Erscheinung und es ist ihr ma?ügeblich zu verdanken, dass Bachs ‚ÄûKunst der Fuge‚Äú der Nachwelt ?ºberliefert wurde. Nach dem Tod Bachs erhielt sie von den Stadtv?§tern nur sp?§rliche finanzielle Unterst?ºtzung. Ihre letzten Lebensjahre soll sie in gro?üer Verarmung zugebracht haben.
Der Kompositionsauftrag: Das Vocalconsort Leipzig m??chte das 250. Todesjahr zum Anlass nehmen, ihr eine l?§ngst ?ºberf?§llige W?ºrdigung zuteil werden zu lassen. Hierf?ºr m??chte das Ensemble eine Ausschreibung f?ºr die Vergabe eines Kompositionsauftrags vergeben, der sich inhaltlich und musikalisch auf verschiedenen Ebenen der Person Anna Magdalena widmet.
Textgrundlage: Anna Magdalena ‚Äì Bachs Muse, diese Interpretation der Figur ist zweifellos m??glich. Auch heute noch ist der Begriff Muse f?ºr Frauen im Umfeld gro?üer K?ºnstler, die mit ihrer Ausstrahlung das k?ºnstlerische Schaffen inspirieren, ?ºblich. Textliche Grundlage der Neukomposition soll daher Friedrich H??lderlins ‚ÄûHymne an die Musen‚Äú sein.
Musikalische Mittel: Die musikalischen Gestaltungsmittel soll der Komponist melodiethematisch aus den Arien und Chor?§len des Notenb?ºchleins f?ºr Anna Magdalena Bach, einer Sammlung, die Johann Sebastian gemeinsam mit seiner Frau anlegte, und strukturell der ‚ÄûKunst der Fuge‚Äú ableiten. Letzteres bietet sich hervorragend an, da somit die M??glichkeit besteht, den ersten und letzten (15.) Vers der H??lderlinschen Hymne als Rahmens?§tze anzulegen und die Verse zwei bis vierzehn den dreizehn Kompositionsprinzipien der dreizehn Contrapunkte der ‚ÄûKunst der Fuge‚Äú zuzuweisen.
Besetzung: Die Besetzung des Werkes soll sich sowohl am Leben Anna Magdalena Bachs, sowie den „musentypischen“ Instrumenten orientieren. So k??nnte es auf folgende Besetzung hinauslaufen:
Sologesang (Attribut der Muse Erato; Anna Magdalenas Beruf)
Chor (Attribut der Muse Terpsichore; Anna Magdalena war am wei?üenfelsschen Hof als Singjungfer t?§tig)
Fl??te (Attribut der Muse Euterpe)
Laute (Attribut der Muse Kalliope)
Cembalo (das Cembalospiel soll Anna Magdalena hervorragend beherrscht haben)
Sprecher (Rhetorik als Attribut der Muse Kleio)
Aber ist das noch ein Ausschreibung? Eher der streng auspr?§zisierte Auftrag an einen Gebrauchsmusikkomponisten ‚Äì die Vorstellungen vom Endergebnis jedenfalls sind ?ºberdeutlich formuliert. Und die Komponisten werden zu H??lderlin und zur Kunst der Fuge gen??tigt. (Zumal man munkelt, als hinreichend bearbeitet g??lte das Thema H??lderlin seit dem Streichquartett eines gewissen Luigi Nono.) Ein bizarres Projekt. Vor allem in jenem Teil, der ?ºber die zu gebrauchenden musikalischen Mitteln doziert und klare Anweisungen gibt, wie das Werk ‚Äûmelodiethematisch‚Äú (sic) und ‚Äûstrukturell‚Äú auszusehen habe. Und die Ausf?ºhrungen zu den ‚Äûmusentypischen Instrumenten‚Äú und deren Verkn?ºpfungen mit den Musen Kathete, Ankathete und Hypotenuse. Ultrakurios. Da hat der Komponist letztlich nicht mehr viel Geist einzubringen.
Meine Lieblingspassage allerdings bleibt: ‚ÄûAuch heute noch ist der Begriff Muse f?ºr Frauen im Umfeld gro?üer K?ºnstler, die mit ihrer Ausstrahlung das k?ºnstlerische Schaffen inspirieren, ?ºblich.‚Äú Gender oh?©. Einmal muss es vorbei sein. Einmal holt uns die See.


2 Kommentare:
“Sie schenkte ihrem Mann 13 Kinder”
prima Weihnachtsgeschenk!
anzumerken sei noch die Jury, die mit David Timm und Bernd “ich-kann-nicht-komponieren” Franke die ganz gro?üe Leipziger Musikszene bereit h?§lt. viel erfolg allen Komplexisten bei dieser unterkomplexen Ausschreibung. Wer da noch gerne in Leipzig wohnt, dem ist nicht zu helfen.
fr??hliche Weihnachten!
Nun ist es dem Vocalconsort und den Projektinitiatoren unbenommen, welche Bedingungen auch immer zu stellen und eine Jury nach Wunsch aufzustellen. Generell gef?§llt mir auch die Tatsache einer solchen Ausschreibung ausgesprochen gut: der Kompositionsauftrag wird offen ausgeschrieben, anstatt ihn privat auszumachen; er richtet sich ausdr?ºcklich an Kompositionsstudierende der Stadt; es wird nicht wettbewerbsm?§?üig die Einsendung fertiger Noten erw?ºnscht, sondern sachlich und pragmatisch ein kleines Werkportfolio mit Notizen zum Lebenslauf; nicht zuletzt muss man auch das Honorar als wirklich ordentlich beziffert nennen.
Was nun genau Komplexismus sei und wer ein Komplexist (ich jedenfalls nehme den Begriff f?ºr mich nicht in Anspruch), m??ge man au?üen vor lassen. Doch nat?ºrlich pflichte ich dir wie schon zuvor bei, dass die Ausschreibung Modalit?§ten vorgibt, die mit Kunst und Geist wenig zu tun haben. Und auch, dass ein gewisser Konsveratismus ziemlich schwer ?ºber dieser Stadt liegt.
(Zumal ganz praktische Aspekte im Text gar nicht expliziert werden: Wie lang soll das Werk sein? Die ber?ºhmten “ca. 10 Minuten”? 15? Gar 25? Angesichts der wilden Ausf?ºhrungen ist davon auszugehen, dass eine bestimmte Wunschdauer l?§ngst gesetzt ist.)
Das Geschenk der 13 Kinder allerdings ist eine sch??ne Pointe. Das k??nnte zum musikalischen Gegenstand werden: der Zeitraum der Ehe repr?§sentiert die Dauer der Komposition, musikalische Knotenpunkte finden statt an den proportional zeitlichen Orten der 13 Geburten. Dann summen jedes Mal die M?§nnerstimmen unschuldig, derweil die Damen in dritter Oktave pianissimo kr?§chzen: “Ich haaaaaabe genug!” (Stichwort melodiethematische Ableitungen aus dem Notenb?ºchlein).
Kurzum: Liebes Vocalconsort Leipzig!
Euer Projekt war ambitioniert gedacht, man kann seinen Ansatz nur loben und begr?º?üen! In Leipzig wird der Kontakt zu Kompositionsstudierenden z.B. vonseiten der gro?üen Ensembles und Orchester der Stadt nicht gesucht. Eure freie, offene Ausschreibung – zumal erfreulicher Weise mit harter M?ºnze verbunden! – zeugt von professionellem Ansatz. Aber letztlich verfehlt das Projekt in vielen Punkten seinen Sinn v??llig. Komponieren hat was mit Komponisten zu tun. Was ihnen eine Fl??te oder ein Chor ist, was Struktur und “Melodie” und der wahre Tonsatz, das wissen sie besser selbst. Musen, “Kunst der Fuge”, Notenb?ºchlein, Arien und Chor?§le, die gew?ºnschte altert?ºmliche Sozialromantik von Gattin und Mutter… – das wird nicht ernst genommen.
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