Mittwoch, 16. Dezember 2009

Todestag und Tabakspfeife in Sachen Anna Magdalena

Neue Musik ohé. Einmal muss es vorbei sein? Eine heitere Anekdote, heute: Ich erhielt die Kompositionsausschreibung eines Leipziger Chors, nicht zu Land, nicht zu Wasser, sondern per Email, darunter die Bitte „um geeignete Veröffentlichung“. Gern. Wie folgt:

Ausschreibung eines Kompositionsauftrgs zu Ehren Anna Magdalena Bachs

Ausgangspunkt: Im Jahr 2010 jährt sich der Todestag von Anna Magdalena Bach zum 250. Mal: Bachs zweite Ehefrau starb am 27. Februar 1760. Sie schenkte ihrem Mann 13 Kinder; Zeitzeugen schilderten sie als kluge, musikalische und talentierte Frau, sie trat als „fürstliche Kammersängerin“ in Köthen in Erscheinung und es ist ihr maßgeblich zu verdanken, dass Bachs „Kunst der Fuge“ der Nachwelt überliefert wurde. Nach dem Tod Bachs erhielt sie von den Stadtvätern nur spärliche finanzielle Unterstützung. Ihre letzten Lebensjahre soll sie in großer Verarmung zugebracht haben.

Der Kompositionsauftrag: Das Vocalconsort Leipzig möchte das 250. Todesjahr zum Anlass nehmen, ihr eine längst überfällige Würdigung zuteil werden zu lassen. Hierfür möchte das Ensemble eine Ausschreibung für die Vergabe eines Kompositionsauftrags vergeben, der sich inhaltlich und musikalisch auf verschiedenen Ebenen der Person Anna Magdalena widmet.

Textgrundlage: Anna Magdalena – Bachs Muse, diese Interpretation der Figur ist zweifellos möglich. Auch heute noch ist der Begriff Muse für Frauen im Umfeld großer Künstler, die mit ihrer Ausstrahlung das künstlerische Schaffen inspirieren, üblich. Textliche Grundlage der Neukomposition soll daher Friedrich Hölderlins „Hymne an die Musen“ sein.

Musikalische Mittel: Die musikalischen Gestaltungsmittel soll der Komponist melodiethematisch aus den Arien und Chorälen des Notenbüchleins für Anna Magdalena Bach, einer Sammlung, die Johann Sebastian gemeinsam mit seiner Frau anlegte, und strukturell der „Kunst der Fuge“ ableiten. Letzteres bietet sich hervorragend an, da somit die Möglichkeit besteht, den ersten und letzten (15.) Vers der Hölderlinschen Hymne als Rahmensätze anzulegen und die Verse zwei bis vierzehn den dreizehn Kompositionsprinzipien der dreizehn Contrapunkte der „Kunst der Fuge“ zuzuweisen.

Besetzung: Die Besetzung des Werkes soll sich sowohl am Leben Anna Magdalena Bachs, sowie den „musentypischen“ Instrumenten orientieren. So könnte es auf folgende Besetzung hinauslaufen:
Sologesang (Attribut der Muse Erato; Anna Magdalenas Beruf)
Chor (Attribut der Muse Terpsichore; Anna Magdalena war am weißenfelsschen Hof als Singjungfer tätig)
Flöte (Attribut der Muse Euterpe)
Laute (Attribut der Muse Kalliope)
Cembalo (das Cembalospiel soll Anna Magdalena hervorragend beherrscht haben)
Sprecher (Rhetorik als Attribut der Muse Kleio)

In besagtem Notenbüchlein „für Anna Magdalena Bach, einer Sammlung, die Johann Sebastian“ (man duzt sich?) „gemeinsam mit seiner Frau anlegte“, findet sich als Nr. 20 ein Loblied aufs Tabakrauchen: „Drum schmauch ich voll Zufriedenheit/ zu Land, zu Wasser und zu Haus/ mein Pfeifchen stets in Andacht aus“. Das könnte der Bringer sein als Ausgangsmaterial für prima choralkantatigmotettigen Singsang im 21. Jahrhundert. Diese Ausschreibung alldieweil ist geeignet, von einem gewissen Blog der neuen musikzeitung besprochen zu werden.

Aber ist das noch ein Ausschreibung? Eher der streng auspräzisierte Auftrag an einen Gebrauchsmusikkomponisten – die Vorstellungen vom Endergebnis jedenfalls sind überdeutlich formuliert. Und die Komponisten werden zu Hölderlin und zur Kunst der Fuge genötigt. (Zumal man munkelt, als hinreichend bearbeitet gölte das Thema Hölderlin seit dem Streichquartett eines gewissen Luigi Nono.) Ein bizarres Projekt. Vor allem in jenem Teil, der über die zu gebrauchenden musikalischen Mitteln doziert und klare Anweisungen gibt, wie das Werk „melodiethematisch“ (sic) und „strukturell“ auszusehen habe. Und die Ausführungen zu den „musentypischen Instrumenten“ und deren Verknüpfungen mit den Musen Kathete, Ankathete und Hypotenuse. Ultrakurios. Da hat der Komponist letztlich nicht mehr viel Geist einzubringen.

Meine Lieblingspassage allerdings bleibt: „Auch heute noch ist der Begriff Muse für Frauen im Umfeld großer Künstler, die mit ihrer Ausstrahlung das künstlerische Schaffen inspirieren, üblich.“ Gender ohé. Einmal muss es vorbei sein. Einmal holt uns die See.

2 Kommentare:

(Nr. 847) felix am 17.12.2009 um 09.30 Uhr:

“Sie schenkte ihrem Mann 13 Kinder”
prima Weihnachtsgeschenk!

anzumerken sei noch die Jury, die mit David Timm und Bernd “ich-kann-nicht-komponieren” Franke die ganz große Leipziger Musikszene bereit hält. viel erfolg allen Komplexisten bei dieser unterkomplexen Ausschreibung. Wer da noch gerne in Leipzig wohnt, dem ist nicht zu helfen.

fröhliche Weihnachten!


(Nr. 849) Stefan Beyer am 17.12.2009 um 17.09 Uhr:

Nun ist es dem Vocalconsort und den Projektinitiatoren unbenommen, welche Bedingungen auch immer zu stellen und eine Jury nach Wunsch aufzustellen. Generell gefällt mir auch die Tatsache einer solchen Ausschreibung ausgesprochen gut: der Kompositionsauftrag wird offen ausgeschrieben, anstatt ihn privat auszumachen; er richtet sich ausdrücklich an Kompositionsstudierende der Stadt; es wird nicht wettbewerbsmäßig die Einsendung fertiger Noten erwünscht, sondern sachlich und pragmatisch ein kleines Werkportfolio mit Notizen zum Lebenslauf; nicht zuletzt muss man auch das Honorar als wirklich ordentlich beziffert nennen.

Was nun genau Komplexismus sei und wer ein Komplexist (ich jedenfalls nehme den Begriff für mich nicht in Anspruch), möge man außen vor lassen. Doch natürlich pflichte ich dir wie schon zuvor bei, dass die Ausschreibung Modalitäten vorgibt, die mit Kunst und Geist wenig zu tun haben. Und auch, dass ein gewisser Konsveratismus ziemlich schwer über dieser Stadt liegt.

(Zumal ganz praktische Aspekte im Text gar nicht expliziert werden: Wie lang soll das Werk sein? Die berühmten “ca. 10 Minuten”? 15? Gar 25? Angesichts der wilden Ausführungen ist davon auszugehen, dass eine bestimmte Wunschdauer längst gesetzt ist.)

Das Geschenk der 13 Kinder allerdings ist eine schöne Pointe. Das könnte zum musikalischen Gegenstand werden: der Zeitraum der Ehe repräsentiert die Dauer der Komposition, musikalische Knotenpunkte finden statt an den proportional zeitlichen Orten der 13 Geburten. Dann summen jedes Mal die Männerstimmen unschuldig, derweil die Damen in dritter Oktave pianissimo krächzen: “Ich haaaaaabe genug!” (Stichwort melodiethematische Ableitungen aus dem Notenbüchlein).

Kurzum: Liebes Vocalconsort Leipzig!
Euer Projekt war ambitioniert gedacht, man kann seinen Ansatz nur loben und begrüßen! In Leipzig wird der Kontakt zu Kompositionsstudierenden z.B. vonseiten der großen Ensembles und Orchester der Stadt nicht gesucht. Eure freie, offene Ausschreibung – zumal erfreulicher Weise mit harter Münze verbunden! – zeugt von professionellem Ansatz. Aber letztlich verfehlt das Projekt in vielen Punkten seinen Sinn völlig. Komponieren hat was mit Komponisten zu tun. Was ihnen eine Flöte oder ein Chor ist, was Struktur und “Melodie” und der wahre Tonsatz, das wissen sie besser selbst. Musen, “Kunst der Fuge”, Notenbüchlein, Arien und Choräle, die gewünschte altertümliche Sozialromantik von Gattin und Mutter… – das wird nicht ernst genommen.


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