Unverfälscht, pur und wahrhaftig
Eine wahrhaftig schöne alternative Überschrift, obgleich schon die benützte reichlich prima ist, wäre auch gewesen: „the extremely heterosexual Nono“, Paul Attinello zitierend (Contemporary Music Review, Vol. 26, No. 1, Feb. 2007, pp. 105-114). Ziemlich cool, diese englische Zitierweise. Bzw. ziemlich bam. Attinello jedenfalls versucht, gemeinsam mit David Osmond-Smith, dessen Berio-/Sinfonia-Analyse ergiebig ist, ernstlich zu ergründen, inwieweit Pierre Boulez’ Sexualität in dessen Werken der späten 1940er-Jahre wiederzufinden sei. Außerdem geht es um Sylvano Busotti, langjähriger Lebenspartner des kürzlich verstorbenen Heinz-Klaus Metzger, der auch mir ein einziges Mal über den Weg gelaufen war, im Frühjahr 2009 nämlich auf den schmalen Gängen des Radialsystem in Berlin während des Ultraschall-Festivals. Über B. & B.: „Both came to prominence at a time remarkable for ist extreme homophobia.“ (117) Insiderinformationen alldieweil: „Although Boulez has always maintained a determined defense of his own privacy, he has acknowledged that his first, vivid outburs of works … were produced immediately subsequent to an intense, violently sexual relationship.“ Zwar sei es einerlei, „how Boulez defined his own erotic needs at the time“. Doch dann folgt ein witziger Absatz zum Boulezschen – jetzt wieder Osmond-Smith – „surrogate for intimacy“: das Klavier. „His Second Piano Sonata rapidly achieved cult status … Its dense, chaotically gestural style seemed to invite a range of iconic associations“, die diesem „imaginary body“ zuzuordnen seien: da sei erstens die Fülle von Eindrücken, Klängen und Gerüchen der modernen Großstadt, einem typischen modernistischen Topos seit Baudelaire. Und zweitens „the unpredictable patterns of a violent and polymorphous sexuality unharnessed from interpretation through the teleology of reproductive function. Anarchic play with the sensory possibilities of the city is thus not merely a public prelude to the private anarchy of sexual play with another body.“ Aaaaaha. Der double eros in der 2. Klaviersonate von Pierre Boulez. Ich werde darüber nachdenken. Auf dem Foto: Pierre und wir im Jahre des Herrn 2008. Boulez voll herzlicher Bereitschaft, uns Zonenkindern (wir hatten ja nichts) für ein hübsches Souvenir dienlich zu sein; das Foto der profanen Urlaubsschnappschusssituation angemessener Weise verwackelt, was nicht an meinem prima Apparat lag, sondern an der Ungeschicklichkeit des Knippsenden.



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