Donnerstag, 5. November 2009

Xmas-H1N1

400 Thomaner leiden an der Schweinegrippe, das Internet wurde bereits dicht gemacht. Tja – was willste machen. Wenn man so was liest, weiß man, dass hier im Waldstraßenviertel, der selbstgewählten sozialen Isolation, dem Suburbia Leipzigs, einfach nichts los ist. Hier wird nichts geschlossen und nach der Schweinegrippe kräht kein Hahn. Umso belebender, den Hauptbahnhof besucht zu haben.

Ein Ort, an dem sich noch Szenen abspielen. Zum Beispiel die, als zwei Herren im Aldi Schankfest spielen und eine Kassendame die Polizeier reinwinkt. Ein Ort also, wo die Exekutive lustig ist („Guten Tag – Bundespolizei“), die Kassiererin im Aldi lustig ist („Könnten Sie bitte diesen Stammtisch auflösen?“), die Trinker im Aldi lustig sind („Grün, die Farbe der Hoffnung!“). Auch ein Ort, aus der rosentaler Zeitlosigkeit heraus zu finden und sich kalendarisch neu zu orientieren. Wo kennt man die Lehre von Jahreszeiten und Festtagen besser als in den „Promenaden“ im Leipziger Hauptbahnhof. Von der Westseite das Gebäude betretend bot schon der allererste Blick ein Panorama, das mich zeitlich zu verorten half: Ein leuchtendes Schild, das auf schwarzem Grund Fledermäuse vor Vollmond und eine Hexe zeigt, informiert, in den Promenaden würde „leckeres Gebäck“ verkauft von 26.10. bis 01.11. anlässlich der beiden regional entscheidenden Festtage: Halloween und Reformationstag. Schräg hinter dieser Leuchtanzeige derweil schon regenmantelartig verhüllte mannsgroße Kegel in gefährlicher Häufung lauerten: Weihnachtsbäume. Von Nahem sogar an der Unterkante der Überstülper Weihnachtskugeln zeigend.

Und da komme ich ins Grübeln, ob die kalendarische Totalverfügbarkeit der „Promenaden“ dem Zeitstillstand des Waldstraßenviertels, wo morgens wie abends, mittwochs wie sonntags eine Mischstimmung von Feierabend und Berufstätigkeit über Straßen und Park liegt, vorzuziehen ist.

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