Oder: Die Seele muss vom Reittier steigen
Ein neuerliches terminliches Problem zweier Neue-Musik-Veranstaltung, wie wir es Mitte Oktober schon einmal hatten: Am 20.11. um 19.30 Uhr startet in der Hochschule für Musik und Theater das Symposiumskonzert Musik & Gegenwart 19 mit Werken von Klaus Huber, Younghi Pagh-Paan, Carlos Hidalgo und – hüstel – meiner Wenigkeit. Rektor Ehrlich wird da sein und K.H. den h.c. verleihen. 3 x Huber, dann wir, darunter zwei Uraufführungen – eigentlich kein schlechter Schnitt für Leipzig! Aber nun wird mir klar, dass das Bordellkonzert vom FZML, das ich unbedingt hatte besuchen wollen, zeitgleich liegt. Ach, wie dumm gelaufen, mal wieder. Die sieben Hanseln, die sich in der Stadt von Bach und BWM für moderne Musik interessieren, wird man sich teilen müssen; weil beim FZML neben Musikern aber auch die „Tänzerinnen von der ‚ÄöLoung am Wasserturm’“ angekündigt sind, befürchte ich, zumindest vier der sieben Zuhörer landen im Puff und nur maximal drei von ihnen bei uns.
Bordellkonzert, 20.11.2009, 19 Uhr und 21.30 Uhr
Wilfried Krätzschmar: Solitude III – »serenade noire« für Große Trommel [1982]
Erik Satie: »Trois po?®mes d‚ÄòAmour« und »Le Flirt« aus »Sport et divertissements« für Stimme und Klavier [1914]
Thomas Chr. Heyde: »Wellen vom Untergrund« für Fagott und Elektronik [2000]
Dirk D‚ÄòAse: »7 Erotic Songs« für Mezzosopran und Klavier [1989]
Askell Masson: »Rhythm strip« für zwei Snare-Drums [1997]
Gottfried von Einem: »Liederliche Lieder zur Gitarre« für Stimme und Gitarre [1982]
Kevin Volans: »She who sleeps with a small blanket« für Schlagzeug [1985]
K. Weill/B. Brecht: »Zuhälterballade« und »Ballade der sexuellen Hörigkeit« aus der »Dreigroschenoper« für Stimme und Klavier [1928]
„Etwas schlüpfrig und unzüchtig, aber auch sinnlich, gefühlvoll und vor allem musikalisch durchtrieben wird es in den Hinterzimmern des Eros Center Leipzig beim Bordellkonzert. Zählt doch der Geschlechtstrieb zu den Naturtrieben des Menschen, ist es nicht verwunderlich, dass bereits in der alten Welt (sowohl in Griechenland, Rom und sogar im Mittelalter) Prostitution staatlich organisiert wurde und auch heute noch eine notwendige soziale Institution für die bürgerliche Gesellschaft darstellt. Unter den aufgeführten Werken befinden sich liederliche und erotiche Lieder, Balladen über Zuhälterei und Kompositionen, die von sexuellen Praktiken wie beispielsweise dem Striptease handeln und somit musikalischen Bezug zum bespielten Ort nehmen.“
Tatsächlich würde mich sehr interessieren, welchen womöglich kritischen Bezug das Konzert zum bespielten Ort nehmen könnte (in der offiziellen Ankündigung geht es um einen „musikalischen Bezug“, die
Pressemitteilung allerdings, wie sie bei der nmz zu lesen ist, spricht von einem „inhaltlich kritischen Bezug“). Einen kritischen Bezug nämlich würde ich geradezu erwarten. Der Eventcharakter ist ja legitim. Aber den Ortskontext für Lieder um Sexpraktiken und Zuhälterei (hoffentlich nicht verblendet sozialromantisch) schlichtweg als „etwas schlüpfrig und unzüchtig, aber auch sinnlich, gefühlvoll und vor allem musikalisch durchtrieben“ zu beschreiben, wäre doch allzu blauäugig und bald zynisch, bedenkt man die oft menschenunwürdigen Umstände dieses Geschäfts. Welche Hure würde ihren Job als „sinnlich“ und „gefühlvoll“ charaktisieren, welcher Stricher die Aura seiner Arbeit unbedarft als „etwas schlüpfrig“?
Update: Die nmz berichtet.