IM c. t.
Gregor Gysi sprach am Montag auf dem Leipziger Marktplatz. Stimmung war da und allerlei Leipziger waren es auch, vielleicht einige hundert (eigene Schätzung), vielleicht 650 (Schätzung Tilman L.), vielleicht 3000 (Schätzung Rico Gebhard, Die Linke). Gysi startete cum tempore, blieb dann aber umso länger. Ulkiges Publikum. Wie aus dem Geschichtsbuch: Gesäumt von einer Menschenmenge hebt der Arbeiterführer auf dem Pritschenwagen wortgewandt seine Stimme – dass ich das noch erleben darf! Vor allem ältere Semester auf Bierbänken, vorne ein Mensch mit Hammer-und-Sichel-Plakat; allgemeines Buh-Rufen, als ein Störenfried mit Megafon aus der Ecke des Marktplatzes meckert: „Beenden Sie Ihre Lügen! Wir wollen keinen Sozialismus!“; großes Hallo, als Gysi das ideelle Territorium seiner Partei in der politisch-gesellschaftlichen Landschaft Nachwendedeutschlands absteckt: „Die mögen uns nicht, … das finde ich richtig!“ Gysi macht sich stark für seine Linie („Die Linke muss weltweit streiten“), stark gegen den Krieg in Afghanistan („Raus aus der Gewaltspirale!“), stark für Schulen und Universitäten („Wir brauchen eine Top-Bildung!“). Seltsam wirken seine Ausführungen zur zentralen Linke-Forderung von Mindestlöhnen, als er sich argumentativ bei den entsprechenden nationalen Regelungen einiger EU-Nachbarn bedient: 9 oder 10 Euro bemesse jener minimale Stundensatz in Luxembourg. Dass ebendort in der Kneipe vier Euro für ein kleines Bier zu zahlen sind, fünf Euro für einen Döner, 10 für eine Pizza Margharita – davon spricht er nicht. (Der Döner jedenfalls ist in Leipzig legendärer Weise ab sage und schreibe ein Euro zu kriegen.) Natürlich spricht er von der Wirtschaftskrise („Sie sind Chef einer Bank und Sie wollen krumme Geschäfte machen – sonst wären Sie nicht Chef einer Bank! – …“) – aber richtet sich auch ans Publikum: Den Ostdeutschen sage man eine Nörglermentalität nach, holt Gysi aus, und ergänzt: „stimmt ja auch ein bisschen“.
Update: Über Gysis Rede berichten Mike Nagler, Linke-Direktkandidat zur Bundestagswahl in Leipzig, und die Leipziger Volkszeitung.

