Sonntag, 23. August 2009

Schnedderedeng

Zur Eröffnung der Gewandhaus-Saison am 21.08. Felix Mendelssohn Bartholdys sogenannte Fünfte, die „Reformationssinfonie“ mit Luther-Choral im vierten Satz, der schließlich prolongiert und prolongiert und Fanfare und Wirbel und Tatatataaa. Dann geben die Labèque-Sisters noch Felixens wild tirilierendes Konzert für zwei Klaviere in E-Dur. Aber zu aller Anfang die erste von drei Uraufführungen, die sich als Auftragswerke im Rahmen der Mendelssohn-Festtage 2009 in Leipzig das Gewandhaus leistet, „Drei Gesänge ohne Worte für Orchester“ von Detlev Glanert. Glanert ist auf der Konzertbühne ein Mann von sehr sympathischer Erscheinung, der aus der Ferne der Saalempore an Heinz Erhardt erinnert, vielleicht, obgleich eine kontrastierende Assoziation, an das Äußere von Max Reger.

„Für Neutöner“? Glanerts dreisätziges Werk, obgleich 2008/2009 komponiert, geht über die klanglichen Konventionen der ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nicht hinaus; die kleinen klanglichen Überraschungen bleiben wohl der virtuosen Exzellenz des Orchesters geschuldet. Wer was hören will und etwas erfahren ist, hat nunmehr 20 Minuten auszusitzen. Formal schlüssig und stimmungsmäßig ansprechend, überwiegt die Langeweile mit einer Musik des 21. Jahrhunderts, die so völlig harmlos und musikantisch-traditionalistisch mit den bildungsbürgerlich-musikalischen Konventionen aus Kaisers Zeiten tändelt. Zwar reizen vereinzelt beispielsweise der Schluss des zweiten Satzes – die verebbende Harfen-Textur – oder die solistischen hohen Sätze in den reduzierten Streichergruppen. Doch Glanerts Liebelei mit dem romantischen Ton (und auch dessen Brechung z.B. im zweiten Satz als geradezu dämliche bernsteinesk-fetzige Rhythmusvariationen – nicht ohne die unumgänglichen Claves, aua!) geben einen Anhaltspunkt, warum ich mich auch im ausverkauften Gewandhaus zu den vielleicht nur 50 Zuhörern unter dreißig Jahren zählen kann, derweil zum Beispiel die zeitgenössischen bildenden Künste in Leipzig durchaus große Anerkennung und Ruf bei den zigtausend Studenten der Stadt genießen. Im Gewandhaus überwiegen alldieweil noch Perlenketten, Pausensekt und feiner Zwirn. Und das einzige, was man hier ändert, wenn es in die Jahre gekommen ist, bleiben die Dachpappen.

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