Vergänglichkeitsraunen
Intendant Gerard Mortier verlässt die Pariser Opéra Bastille und geht, in Bayreuth nicht benötigt, nach Madrid. Zum Abschied gibt’s eine „Installation zur Feier des zwanzigjährigen Bestehens der Opéra Bastille“ vom Maler Anselm Kiefer und – Jörg Widmann, dem 36-jährigen Klarinettisten-Komponisten mit dem schnellen Händchen („Lichtstudie I“, „Implosion“, „Freie Stücke“, „Lied“, „Chor“, „Messe“, „Labyrinth“, „Zweites Labyrinth“, „Armonica“, „Polyphone Schatten (Lichtstudie II)“, „Dunkle Saiten“, „Lichtstudie I-VI“, „Elegie“, „Echo-Fragmente“ – und das sind bloß die Kompositionen für Orchester). Das Musiktheater namens „Der Anfang (Au Commencement)“ (im übrigen Widmanns sechstes) setzt neben einem Solistentrio das Orchester ein, das Widmann selbst dirigiert, darin aber von Titus Engel assistiert wird. Titus Engel? Lernte (?) ich bei ihm nicht vor Jahren das Orchesterdirigieren? Fiel in jene Ausbildung nicht meine legendäre dirigentische Interpretation der Beethovenschen Ersten bzw. der Ersten langsamer Satz (und nur dessen, ahem)?
Das Anselm-Widmann-Musiktheater „fordert zum Nachdenken heraus“ (Wortlaut Opéra National de Paris). Und was denkt Claus Spahn von der ZEIT?
Aber mitten hinein in das Vergänglichkeitsraunen erklingen irritierende Vitalitätsschübe, Solopassagen der Klarinette und einer Geige, jähe Orchesteraufschwünge, hell schimmernde Farben. Als wolle sich das Orchester (unter der Leitung des Komponisten) von der Kieferschen Asche nicht vollständig bedecken lassen. Es sind die stärksten Momente des Abends. Weil man spürt, dass Musik gar nicht anders kann, als der »Negation des Seins« entgegenzuwirken. Die Wüste lebt.
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