Wednesday, 25. March 2009

MDR Sinfonieorchester in der Saison 2009/2010: kaum Neue Musik

Die zeitgen??ssische Musik bleibt beim MDR Sinfonieorchester auch 2009/2010 wenig erw?ºnscht. Wer als Konzertbesucher des MDR Neue Musik auf dem Wunschzettel hatte, wird nicht gl?ºcklich werden. In dieser Hinsicht als gelungen gelten durfte schon die vorhergehende Konzertsaison 2008/2009 wohl kaum.

Wie also verh?§lt es sich anteilig im Programm mit der Musik ‚Äûnach 1950‚Äú? Immerhin, da wartet ein Konzert auf mit einem interessanten Angebot von Georg Katzer, Tilo Medek und Isang Yun (10. November 2009). Das Programm erinnert in seinem Anschein, eine bewusste Abtrennung vom ‚ÄûTagesgesch?§ft‚Äú des Orchesters zu sein, an jenes Konzert, das in diesem M?§rz stattfand, in welchem Roland Kluttig eine gro?üe Zahl neuerer St?ºcke geballt an einem Abend auff?ºhrte. Einen Dirigenten f?ºr dieses Konzert mit Werken Katzers, Medeks und Yuns hatte der MDR bis Redaktionsschluss indes noch nicht gefunden. Dieser Umstand verweist auf das grunds?§tzliche Problem des Orchesters mit der zeitgen??ssischen Musik: Der Chefdirigent Jun M?§rkl hat an solchem Repertoire, von Neuentdeckungen gar nicht zu sprechen, kein Interesse. Vage hei?üt es in der offiziellen Biografie des MDR, ‚Äûsein Name‚Äú st?ºnde unter anderem f?ºr ‚ÄûModerne‚Äú. Welche Moderne das sein k??nnte und wie sich dieses angebliche Interesse in der Programmgestaltung wiederfinden k??nnte, bleibt im Flie?ütext ungekl?§rt. Pr?ºft man jedenfalls die Konzertprogramme im Detail, so scheint M?§rkl keineswegs ambitioniert, musikhistorisch ?ºber Brittens ‚ÄûWar Requiem‚Äú ins Heute hinaus zu wachsen.

Der ‚Äûzeitgen??ssische H??hepunkt‚Äú der kommenden Saison, eine Urauff?ºhrung des franz??sischen Komponisten und Dirigenten Fabrice Bollon, der Ank?ºndigung folgend, duftet nach Zirkuszelt. Der Dirigent Bollon bringt Leonard Bernstein, John Adams und eine eigene, neue Komposition: ‚Äûviderunt omnes‚Äú f?ºr DJ und Orchester. Der Titel verweist nat?ºrlich auf Perotin, der im 12. Jahrhundert mit seiner Mehrstimmigkeit die nach dessen Wirkungsort benannte Notre-Dame-Epoche pr?§gte. Leonin und Perotin: 800 Jahre in der Vergangenheit ‚Äì DJ: n?§chstliegender Inbegriff heutiger Popkultur. Man darf abwarten, ob das, was da kommt, ein sinnvolles Erlebnis wird. Was kann das Programmheft an vertiefenden Informationen zum ersten Eindruck beitragen?

‚ÄûAls Dirigent kennt Fabrice Bollon keine Schwellenangst, wenn es hei?üt, das ¬ªklassische¬´ Konzert durch Impulse aus anderen Musikrichtungen zu bereichern, seien es Jazzgr???üen oder afrikanische Musiker, die S??hne Mannheims oder ein E-Cello. Die hierbei gesammelten Erfahrungen regten ihn an, eigene Werke entsprechend zu konzipieren. Sie haben noch nie einen DJ mit Orchester agieren sehen? Dann sollten Sie sich diese Urauff?ºhrung nicht entgehen lassen! Das musikalische Spektrum, das der Komponist Bollon dabei ??ffnet, reicht bis zu mittelalterlicher Polyphonie zur?ºck, bis zum Titel gebenden Madrigal von Perotin.‚Äú (MDR)

Upsi. Das klingt nach Klumpatsch, ausgel??st durch Signalw??rter wie: „keine Schwellenangst“, „E-Cello“ oder „einen DJ mit Orchester agieren sehen“.

Wenn man den gesamten Plan der Konzertsaison gr?ºndlich durchschaut, st???üt man bei der Suche nach Musik der letzten Dekaden nur noch auf die 15. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch (11. Mai 2010) und auf das Werk mit dem witzigen Titel ‚ÄûSchrumpf-Symphonie‚Äú vom ??sterreichischen Komponisten Kurt Schwertsik (11. April 2010).

Eine Bereitschaft, f?ºr die Neue Musik sich einzusetzen, ist bei der Programmgestaltung des MDR Sinfonieorchesters nicht zu finden, und ein Engagement, ‚ÄûKlassiker‚Äú der Avantgarde im MDR-Konzert zu versuchen, bleibt v??llig aus. Zuletzt fehlt aber gerade auch die M?ºhe und das Bestreben, die vergangenen Dekaden, zumal die Zeit nach 1989, aufzuarbeiten. Das interessierte Publikum bleibt vergr?§tzt, eine langfristige Etablierung der heutigen Moderne im Konzertleben bleibt ‚Äì zumindest seitens des MDR ‚Äì aus.

Derweil hat das Gewandhausorchester sich auf der ?úberholspur l?§ngst eingeordnet: Die Gewandhaus-Spielzeit 2009/2010 beginnt im September mit Luigi Nono und einer Urauff?ºhrung von Georg Friedrich Haas.

Eine Generalabsage ans MDR? Mitnichten. Besuchen Sie dessen neue Spielzeit, wenn sie ‚Äûeinen DJ mit Orchester agieren sehen‚Äú m??chten (‚Äûsehen‚Äú ‚Äì das ist der Wortlaut). Planen Sie Ihren freien Tag entsprechend, um den Konzerttermin mit dem Tagesplan des Leipziger Zoos zu koordinieren, um dort vor Konzertanfang noch die Eisb?§renf?ºtterung oder das Lama Horst mit seinem Tierpfleger agieren zu sehen. Manege frei!

Sunday, 22. March 2009

Unsere Krupps: wie K??nige, nur h?§rter

Pr?§tenti??ses Zeitgeschichte-Kino liefert weiterhin das ZDF, morgen geht die Krupp-Triologie an den Start. ‚ÄûWie K??nige, nur t?ºchtiger‚Äú lautet der Aufmacher auf der ZDF-Website, und das Interview mit den Darstellern Iris Berben und Benjamin Sattler tr?§gt den Titel ‚ÄûAndere Zeiten‚Äú (im ?ºbrigen ohne damit den Wortlaut der Darsteller wiederzugeben). Die Programmgestaltung des ‚ÄûZweiten‚Äú ist pf??ffig: Vor den Krupps l?§uft ‚ÄûKampf um Germanien‚Äú. ?úber die Darstellung der Granaten-Familie schreibt die FAZ, Regisseur Carlo Rola stilisiere ‚Äûdie Villa H?ºgel zum ‚ÄöGeisterhaus‚Äô und bleibt demselben Mythos verhaftet, mit dem schon der Kaiser und Hitler die Massen bewegten – dem Mythos Krupp‚Äú, derweil Spiegel Online ?ºber ‚ÄûGeschichtsrevisionismus getarnt als K?ºchenpsychologie‚Äú st??hnt. Kurz: Den Mehrteiler muss ich sehen! So, wie wir mit ‚ÄûDie W??lfe‚Äú, der emotionalen ZDF-Triologie Knoppscher Pr?§gung zur deutschen Nachkriegs- und Wendegeschichte, heute in die zweite Runde gegangen waren. Es geht spannend zu, der Grundton ist menschelnd. Aktueller Zwischenstand der historischen Belehrungen: Auch in der DDR gab es Altnazis, bei der Stasi landete man aus Zwang und Erpressung und auch MfS-F?ºhrungsleute waren im Grunde von ehrlicher Gesinnung.

Saturday, 21. March 2009

Obama und die Erdnussbutter

Der US-Pr?§sident gr?º?üt herzlich zum Neujahrsfest die iranische Bev??lkerung via Youtube. In Amerika und dem Iran beginge man das Fest gar nicht so un?§hnlich: Freunde treffen, mit der Familie zusammenfinden, gemeinsam Neuigkeiten und Geschichten austauschen. Geschichten austauschen, das ist das Stichwort: Nur zwei Klicks weiter, man befindet sich im offiziellen White House-Kanal, richtet sich Obama Woche f?ºr Woche mit einem f?ºnfmin?ºtigen Clip an seine Bev??lkerung, dem ‚ÄûYour Weekly Address‚Äú. Und zwar in dieser Woche zum Thema Lebensmittelsicherheit: ‚Äûnot just as a president, but as a parent.‚Äú

“When I heard peanut butter products were contaminated earlier this year, I immediately thought of my 7-year-old daughter Sasha, who has peanut butter sandwhiches for propably three times a week.“

Erdnussbutter. Das ist mal Volksn?§he. Die Bundesregierung auf Youtube, das w?§re was: ‚Äû… musste ich sofort an meinen Ehemann Joachim denken, der zumindest dreimal pro Woche aufs Brot Erdnussbutter…‚Äú ‚Äì Aber tats?§chlich zitiert bei Spiegel Online der Iraner Omid Nouripour seinen Onkel, der Nouripour am Telefon frug, wann denn Angela Merkel auf Farsi sich mit einer Neujahrs-Botschaft ?ºber Youtube bei der iranischen Bev??lkerung melde. Nouripour: ‚ÄûGar nicht.‚Äú

Thursday, 19. March 2009

Inzestmonster versus Sollsedocharbeitengehen

Die BILD erstickt am ?úberma?ü der guten Dinge, die ihr passieren konnten. Seit zum Thema Amoklauf nun alles gesagt ist und man wohl dazu ?ºbergehen muss, die Dinge gr?ºndlich und ihrer Komplexit?§t angemessen zu ?ºberpr?ºfen, den ersten eiligen Aktionismus noch einmal zu ?ºberdenken, die gesellschaftlichen und sozialen Fragen behutsam zu er??rtern, kurzum, seit nach BILD-Ma?üst?§ben zu Winnenden und Tim K. samt Familie nichts Neues mehr zu berichten ist, da wurde der Fritzl aus St. P??lten zum enfant ch?©ri des Boulevards ‚Äì und bekommt nun heute pl??tzliche Schwierigkeiten in der Auslage. Dem Schicksal des kurzen Prozesses zur Lebensl?§nglichkeit Gerichteten, das die BILD mit Berichterstattung treu verfolgte zwischen blauen Aktenordnern und einer Tochter inkognito, kam heute der Gerichtsentscheid in die Quere, M?ºttern mit Kindern ?ºber soundso viel Jahren sei ihr Ex als Unterhaltszahler mitnichten per se verpflichtet. ‚Äì Ein echtes BILD-Dilemma! In der Redaktion obsiegte das iudicatum alimentarum. Fritzls Abgang, als gro?ües BILD-Infernal recht h?ºbsch denkbar, reduziert sich zugunsten der ebenfalls h?ºbsch denkbaren (das hei?üt so noch nicht geschehenen) Kampagne ‚Äûwerktags geh??rt Mutti mir!‚Äú auf ein knappes Drittel des Aufmachers.

Thursday, 19. March 2009

Weltwissen als Monopol

Google scannt B?ºcher in Millionenmengen, digitalisiert sie, macht sie f?ºr Volltext-Suchen verf?ºgbar und stellt sie schlie?ülich frei verf?ºgbar ins Internet (‚ÄûGoogle Buchsuche‚Äú). Wegen juristischer Fragen zum Urheberrecht werden dabei einzelne Seiten bei der Anzeige entfernt, sodass von einer vollst?§ndigen Verf?ºgbarkeit eines Buches keine Rede sein k??nne. Das Angebot ist nicht unattraktiv. Schon f?ºr meine Examensarbeit ?ºber ein Werk des Komponisten Paul-Heinz Dittrich verriet mir die Google-Stichwortsuche einen Geheimtipp: Ein Buch, auf das ich im Rahmen der Recherchen nie gesto?üen w?§re, enthielt auf einer halben Seite Informationen zum Dirigenten Ernest Bour und dessen angebliche Verwicklungen in der NS-Zeit als Kollaborateur.

Doch die Schattenseite dieser ‚Äûtotalen Digitalisierung‚Äú (Wortlaut FAZ.net) bl?ºht nicht den Nutzern, sondern vielmehr den Autoren. An einen ?ºbergreifenden juristischen Vergleich n?§mlich, der in New York vereinbart w?ºrde, w?§ren auch deutsche Urheber gebunden. Die so genannte Opt out-Klausel, die einen Ausstieg daraus erm??glicht, bedeute im ?ºbrigen keine Sicherheit, dass Google von einer Onlinepublikation des betroffenen Autors abs?§he. Um die Verhinderung der digitalen Ver??ffentlichung durchzusetzen, w?§re, ?ºber die Berufung auf die Opt out-Klausel hinaus, eine Privatklage vonn??ten. ?úber ebendieses Dilemma schreibt heute die FAZ.net (‚ÄûDie Google-Strategie. Das Teuflische an diesem Plan‚Äú, 19. M?§rz 2009). Eine Schriftstellerin ?§u?üert sich da, vielleicht resignierend, vielleicht dem revolution?§ren Potential dieser Entwicklung vertrauend: ‚ÄûIch werde die ,Opt out’-Klausel nicht ziehen. Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten. Passiv, als Nutzerin von Google, profitiere ich bereits davon.‚Äú

Werden k?ºnftig Werke der Wissenschaft, der Literatur geschrieben, wenn sie sogleich Gemeingut im Internet sind? Was, wenn die neuen Gesch?§ftsmodelle es Urhebern nicht mehr erm??glichen, von dieser Arbeit zu leben: Verschwinden dann ganze Berufszweige und machen den Selbstausstellern Platz? Wenn das Weltwissen Monopol einer Firma geworden ist, wird diese die Antworten geben. Fr?ºher h?§tte man nach der Politik gerufen und ihr erkl?§rt, dass Wissen systemwichtig sei. Doch die Politik scheint sich f?ºr all das nicht zu interessieren. (Hannes Hintermeier, FAZ.net)

Wednesday, 18. March 2009

Kleinlaut um Althaus?

Der th?ºringische Ministerpr?§sident ist zur?ºck in der ?ñffentlichkeit ‚Äì und sowohl Spiegel online als auch FAZ.net scheint das nur am Rande zu interessieren. Sollten die Berichterstatter ihren Schulterschluss durchgezogen haben? Gestern schaltete Deutschlandradio Kultur seine Erfurter Korrespondentin in die Sendung. Die Journalistin beschrieb die ‚Äûvergr?§tzte‚Äú Stimmung unter den Berichterstattern infolge Althaus‚Äô Exklusiv-Interview f?ºr die BILD-Zeitung nach all den Wochen der R?ºcksichtnahme der Medien auf den Gesundheitszustand des Ministerpr?§sidenten. Auf das ?Ñrgernis des BILD-Interviews wolle man nun gemeinsam reagieren und denke dar?ºber nach, morgen ‚Äì respektive heute ‚Äì auf eine Berichterstattung ?ºber Althaus‚Äô Auftritt schlichtweg zu verzichten.

Gro?ües Kino auch im Vatikan (‚ÄûKondome bleiben des Teufels, geschehe, was wolle‚Äú, SZ gestern). Zeitgleich zu Benedikts realit?§tsfremden Einlassungen ging auch die neue Folge der aktuellen, 20., Simpsons-Staffel on air (2013, ‚ÄûGone Maggie Gone‚Äú) – und besch?§ftigt sich mit der strengen Lebenskultur im katholischen Kloster. In einer Szene mit den Kleinkindern, um die der Konvent sich k?ºmmert, singt eine fr??hliche Nonne mit Gitarre zur Melodie eines bekannten Kinderlieds: ‚ÄûIf you‚Äôre happy and you know it – that‚Äôs a sin!‚Äú – und im Rhythmus, in dem eigentlich zweimal in die H?§nde geklatscht w?ºrde, schl?§gt sie sich mit der einen Hand strafend auf die Oberseite der anderen.

Monday, 16. March 2009

„So, wie wir heute leben, haben wir nie gearbeitet.“

Die Abwandlung einer Redewendung stammt von Edgar Most. Den lud auf der Leipziger Buchmesse Deutschlandradio Kultur auf ‚Äûdas blaue sofa‚Äú (die Rundfunk?ºbertragung geschah in diesem Augenblick), um ihn anl?§sslich seiner Ver??ffentlichung: ‚ÄûF?ºnfzig Jahre im Auftrag des Kapitals. Gibt es einen dritten Weg?‚Äú zu befragen. Darin erz?§hlt er die sch??ne Zirkusgeschichte, wie er nach der Wende von der Vizepr?§sidentschaft der DDR-Staatsbank in die Spitze der Deutschen Bank wechselte. Das ganze Ost-West-Geseiere, das ihm seine skurrile Lebensgeschichte vorlegt, l?§sst er sich offenbar nicht entgehen und erinnert sich zur?ºck, als man in den (Bank-)Gesch?§ften immer nur die eine Frage stellte: Was n?ºtzt es dem Staat? Das Ende der DDR jedenfalls habe keinen wirtschaftlichen Hintergrund gehabt. Die Gr?ºnde seien, so paraphrasiert er den entscheidenden Kratzer im Staatslack, ‚Äûmenschlich-moralischer‚Äú Natur gewesen.

Das langwierige Gerede um die Verstaatlichungen verst?ºnde er nicht. H?§tte er das sagen, die Hypo Real Estate Holding sei schon vor einem halben Jahr in Staatshand genommen worden, ‚Äûh?§tt‚Äô ich gar nicht lange gefragt‚Äú.

Und selbst wenn er gefragt h?§tte ‚Äì denn der ‚ÄûNutzen f?ºr den Staat‚Äú respektive den Sozialismus war schon in der DDR ein wenig gl?ºckbringendes Abstraktum. Der Kunst, der Demokratie, dem Individuum, der (Reise-, Presse-, Rede-, …)Freiheit ‚Äì oder der k??rperlichen Unversehrtheit des Ausreisewilligen aber Ausreiseverbetenen im Bereich des Mauerstreifens ‚Äì jedenfalls kam jene Frage nicht zugute.