MDR Sinfonieorchester in der Saison 2009/2010: kaum Neue Musik
Die zeitgen??ssische Musik bleibt beim MDR Sinfonieorchester auch 2009/2010 wenig erw?ºnscht. Wer als Konzertbesucher des MDR Neue Musik auf dem Wunschzettel hatte, wird nicht gl?ºcklich werden. In dieser Hinsicht als gelungen gelten durfte schon die vorhergehende Konzertsaison 2008/2009 wohl kaum.
Wie also verh?§lt es sich anteilig im Programm mit der Musik ‚Äûnach 1950‚Äú? Immerhin, da wartet ein Konzert auf mit einem interessanten Angebot von Georg Katzer, Tilo Medek und Isang Yun (10. November 2009). Das Programm erinnert in seinem Anschein, eine bewusste Abtrennung vom ‚ÄûTagesgesch?§ft‚Äú des Orchesters zu sein, an jenes Konzert, das in diesem M?§rz stattfand, in welchem Roland Kluttig eine gro?üe Zahl neuerer St?ºcke geballt an einem Abend auff?ºhrte. Einen Dirigenten f?ºr dieses Konzert mit Werken Katzers, Medeks und Yuns hatte der MDR bis Redaktionsschluss indes noch nicht gefunden. Dieser Umstand verweist auf das grunds?§tzliche Problem des Orchesters mit der zeitgen??ssischen Musik: Der Chefdirigent Jun M?§rkl hat an solchem Repertoire, von Neuentdeckungen gar nicht zu sprechen, kein Interesse. Vage hei?üt es in der offiziellen Biografie des MDR, ‚Äûsein Name‚Äú st?ºnde unter anderem f?ºr ‚ÄûModerne‚Äú. Welche Moderne das sein k??nnte und wie sich dieses angebliche Interesse in der Programmgestaltung wiederfinden k??nnte, bleibt im Flie?ütext ungekl?§rt. Pr?ºft man jedenfalls die Konzertprogramme im Detail, so scheint M?§rkl keineswegs ambitioniert, musikhistorisch ?ºber Brittens ‚ÄûWar Requiem‚Äú ins Heute hinaus zu wachsen.
Der ‚Äûzeitgen??ssische H??hepunkt‚Äú der kommenden Saison, eine Urauff?ºhrung des franz??sischen Komponisten und Dirigenten Fabrice Bollon, der Ank?ºndigung folgend, duftet nach Zirkuszelt. Der Dirigent Bollon bringt Leonard Bernstein, John Adams und eine eigene, neue Komposition: ‚Äûviderunt omnes‚Äú f?ºr DJ und Orchester. Der Titel verweist nat?ºrlich auf Perotin, der im 12. Jahrhundert mit seiner Mehrstimmigkeit die nach dessen Wirkungsort benannte Notre-Dame-Epoche pr?§gte. Leonin und Perotin: 800 Jahre in der Vergangenheit ‚Äì DJ: n?§chstliegender Inbegriff heutiger Popkultur. Man darf abwarten, ob das, was da kommt, ein sinnvolles Erlebnis wird. Was kann das Programmheft an vertiefenden Informationen zum ersten Eindruck beitragen?
‚ÄûAls Dirigent kennt Fabrice Bollon keine Schwellenangst, wenn es hei?üt, das ¬ªklassische¬´ Konzert durch Impulse aus anderen Musikrichtungen zu bereichern, seien es Jazzgr???üen oder afrikanische Musiker, die S??hne Mannheims oder ein E-Cello. Die hierbei gesammelten Erfahrungen regten ihn an, eigene Werke entsprechend zu konzipieren. Sie haben noch nie einen DJ mit Orchester agieren sehen? Dann sollten Sie sich diese Urauff?ºhrung nicht entgehen lassen! Das musikalische Spektrum, das der Komponist Bollon dabei ??ffnet, reicht bis zu mittelalterlicher Polyphonie zur?ºck, bis zum Titel gebenden Madrigal von Perotin.‚Äú (MDR)
Upsi. Das klingt nach Klumpatsch, ausgel??st durch Signalw??rter wie: „keine Schwellenangst“, „E-Cello“ oder „einen DJ mit Orchester agieren sehen“.
Wenn man den gesamten Plan der Konzertsaison gr?ºndlich durchschaut, st???üt man bei der Suche nach Musik der letzten Dekaden nur noch auf die 15. Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch (11. Mai 2010) und auf das Werk mit dem witzigen Titel ‚ÄûSchrumpf-Symphonie‚Äú vom ??sterreichischen Komponisten Kurt Schwertsik (11. April 2010).
Eine Bereitschaft, f?ºr die Neue Musik sich einzusetzen, ist bei der Programmgestaltung des MDR Sinfonieorchesters nicht zu finden, und ein Engagement, ‚ÄûKlassiker‚Äú der Avantgarde im MDR-Konzert zu versuchen, bleibt v??llig aus. Zuletzt fehlt aber gerade auch die M?ºhe und das Bestreben, die vergangenen Dekaden, zumal die Zeit nach 1989, aufzuarbeiten. Das interessierte Publikum bleibt vergr?§tzt, eine langfristige Etablierung der heutigen Moderne im Konzertleben bleibt ‚Äì zumindest seitens des MDR ‚Äì aus.
Derweil hat das Gewandhausorchester sich auf der ?úberholspur l?§ngst eingeordnet: Die Gewandhaus-Spielzeit 2009/2010 beginnt im September mit Luigi Nono und einer Urauff?ºhrung von Georg Friedrich Haas.
Eine Generalabsage ans MDR? Mitnichten. Besuchen Sie dessen neue Spielzeit, wenn sie ‚Äûeinen DJ mit Orchester agieren sehen‚Äú m??chten (‚Äûsehen‚Äú ‚Äì das ist der Wortlaut). Planen Sie Ihren freien Tag entsprechend, um den Konzerttermin mit dem Tagesplan des Leipziger Zoos zu koordinieren, um dort vor Konzertanfang noch die Eisb?§renf?ºtterung oder das Lama Horst mit seinem Tierpfleger agieren zu sehen. Manege frei!

