Mittwoch, 11. Februar 2009

Zwischen Ostfront und Patenonkeln

Radio hören bildet. Zum Beispiel benötigt Mitsuko Uchida nach einem Konzert „vier Stunden Minimum, fünf Stunden ist wahr“, um „runter zu kommen“. Vor allem aber, teilte die Pianistin gestern früh in Deutschlandradio Kultur mit, trinke sie direkt nach einem Konzertauftritt – Bier. Alles andere sei entweder zu stark oder lösche den Durst nicht. Wasser allein jedenfalls reiche nicht aus. Weise Worte.

Im Anschluss in den Nachrichten ein O-Ton des neuen Wirtschaftsministers. Dass er nun für Glos bestellt würde, sei doch „optimalst“, adelt jener, den einer zu Unrecht Wilhelm taufte, seine Amtseinsetzung mit einem Superlativ („Hyperstlativ“), der für Normalsterbliche unerreichbar scheint. Was die Wilhelmisierung (mit diesem Blog-Eintrag werde ich lt. Google weltweit der zweite sein, der dieses Substantiv im Internet benutzt) Guttenbergs angeht, gibt die Süddeutsche online heute Auskunft über Herrn Ministers Vornamen-Katastrophe („irgendwo zwischen Ostfront und Patenonkeln“) .

Zuletzt von Guttenberg, bzw. von von Guttenberg war Ende vergangenen Jahres zu lesen, als sein Partei-Kollege Philipp Brandenstein, oder vielmehr: Philipp Wolff Christoph Freiherr von Brandenstein wegen alter Partyfotos mit Hitlergruß den Hut ziehen musste. Mit dem ihm Rauswerfenden war eine Einigung nicht zu erzielen: „Inakzeptabel“ und ab dafür, nobless oblige. Derweil Philipp Wolff Christoph insistierte, außer Party sei ja nichts gewesen, zumal er ohnehin an nichts sich mehr erinnern könne, da sei „die Kirche im Dorf“ zu lassen, bzw. Williamson im Episkopat, wie in diesem Zusammenhang man heute wohl sagt. Derweil ein CDU-naher Blog vom „Land der großen Hysterie“ unkte, um Philipp Wolff Christoph beizuspringen, betonte zumal auch jener, Großpapa hätte bei Stauffenberg im Kegelverein den Kassenwart gegeben. Damit wiesen die Zerworfenen als geeint in der Widerstands-Verwandtschaft sich aus, denn auch „Guttenbergs Urgroßonkel Karl Ludwig hatte enge Kontakte zu den NS-Widerstandskämpfern um Graf Stauffenberg.“ Gut, in genealogischer Hinsicht wäre dann jedoch zu ergänzen, dass Guttenberg nicht nur Urgroßneffe der Stauffenbergischen, deren Heldenhaftigkeit der SWR-Rundfunkrat kürzlich hervor kehrte, ist, sondern auch Stiefenkel Joachim von Ribbentrops, welcher wiederum 1946 infolge gewisser Prozesse von und zu Nürnberg qua Strang aus dem Leben schied. Aber, ach je, wer wollte ein Fass aufmachen, die Zeiten waren halt schwer. Schauen wir nach vorn und orientieren wir uns an Werten, an denen festzuhalten über alle Weltkriege und erlesene Diktaturen hinaus sich bewährte: Adelsgeschlechter. Man bleibt ja gern unter sich. So hat’s heuer als First Lady im Wirtschaftsministerium eine Vertreterin derer von Bismarck-Schönhausen, eine Ururenkelin des „von Bord gehenden Lotsen“ Otto – bzw. Enkelin von NSDAP-Reichstagsabgeordnetem Gottfried Graf von usw. usf. (1901–1949). Die Zeiten waren halt schwer.

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