Principiis obsta!
Keine Woche ohne moralisierende NS-Debatten. Ein Rundfunkrat der ARD stänkerte pro forma über die Stauffenberg-Persiflage von Oliver Pocher. Die sei „pietätslos“ und schnitte „den Helden des deutschen Widerstands“ die Ehre ab. (Den Helden? Gab es mehrere in Deutschland? Wusste ich gar nicht. Klar, der Stauffenberg, der war ein Guter. Nicht zuletzt gilt er ja eben nicht als Urheber des Sprüchleins, mit dem Ersten sehe man besser, sondern vielmehr des Polit-Bonmots Wehret den Anfängen.) Zumal mir deuchte, das Heldenhafte sei weniger eine Kategorie des demokratischen Deutschlands (und das von euch Freiburgern im Breisgau – ba! ba! ba!), als mehr
zu Hause im Begriffsdunst von Mutterkreuz in großdeutschen Ariermanufakturen und Planübererfüllern im Sozialismus. Ihr tätet besser daran, die Volkstümler, vorwiegend der dritten Sender, vorwiegend des MDR, abzumahnen. Wenn durch öffentlich-rechtliche Mittel gesellschaftliche und kulturelle Dumpfheit und deutscher-Boden-Romantik geschürt wird, dann beim Silbereisen und seinen musikfreien Heimatapologeten.
Und am Tag, da der Gas-Zwist Russlands und der Ukraine mit abgedrehten Pipelines eskalierte, verlieh in Dresden der sächsische Ministerpräsident Tillich dem postmodernden Zaren Vladimir Putin, KGB-Mann in Dresden zu DDR-Zeiten und seines Zeichens nicht zuletzt lupenreiner Demokrat, einen Orden („Sie sind der Stadt auf besondere Weise verbunden“). Der Terminus der Ahnungslosigkeit ist in legendärer Weise dieser Stadt zugehörig (Zusammenfassung bei extra3 des NDR). Das Dresdner Stadtmarketing wünsche sich mehr Glamour, und Putin sei gerade in der Gegend gewesen – so erklärte sich unser Touristenführer in Dresden an besagtem Tag jene Ereignisse, die für den Abend in der Semperoper anstanden. Minderwertigkeitskomplexe in Sachen Glanz & Glitzer arbeitet nun auch Leipzig auf, der Society-Klumpatsch greift aufs Gewandhaus über: Am 2. Februar verleiht man im Großen Saal einigen Zusammengeklaubten den so getauften Mendelssohn-Preis 2009.
„Helmut Schmidt, Armin Mueller-Stahl und Riccardo Chailly sind die diesjährigen Preisträger. Ornella Muti, Geraldine Chaplin und Justus Frantz würdigen die Preisträger; als Gäste werden erwartet Wolfgang Stumph, Cheryl Shepard, Peter Sloterdijk, Wolfgang Tiefensee und viele andere“ (Gewandhaus.de)
Nicht, dass Schmidt mit Doktortiteln h.c. sicher sich totschmeißen könnte und in den letzten Monaten ohnehin zur Genüge durchs Dorf getrieben worden wäre. Nicht, dass Schauspieler Mueller-Stahls grafisches Werk zweifelsohne unbedeutend ist. Nicht, dass eine Auszeichnung für den letztlich mit der den Preis verleihenden Stadt in einem Dienstverhältnis stehende Chailly arg erinnert an den miefigen „Angestellten des Monats“. Nicht, dass Frantz im Gewandhaus wirklich fehl ist am Platze (wo doch Bruckners Dritte heute Abend so schön gewesen war). (Obgleich er natürlich mit Helmut Schmidt bekannt. Oder vielleicht sogar befreundet? Mit Leonard Bernstein sogar war er sehr befreundet! Erzählte er Ende der 1990er-Jahre bei einem Konzert mit der Junge Ostblock Philharmonie [Name sinngemäß] in der Martin-Luther-Kirche in Bad Harzburg. Mit Bernstein, ja, mit dem sei er sehr befreundet [gewesen – Bernstein war ja tot]. Und in seiner Finca im Spanischen, dort war der Leonard gerne zu Gast, und der Helmut Schmidt natürlich auch. Und die Finca, na, große Geste, die könnten die Harzburger gerne mal borgen. „Casa de los Musicos“, die Vorsitzende des betreffenden Ferienhausstiftungsvereins – auch eine Frantz vom Nachnamen her – stünde am Ausgang der Lutherkirche, die hätte Broschüren. Das sagte er – mitten im Konzert. Ja, der Herr Frantz. Ein Mann von Welt.) Nun denn, Leipzig: Maischberger moderiert und der Hauptdarsteller aus „Go Trabi Go“ ist angefragt. Wer wollte das verpassen?… Maischberger, Lang Lang und Justus Frantz – Kulturgigantomanie in Leipzigs Mauern. Hier geht was.
Update (9.2.2009): Auch die Neue Musikzeitung nmz online kann sich auch nicht so recht begeistern für den Preis-Event: Lieber Felix Mendelssohn Bartholdy, kein Platz für dich auf dem roten Teppich (31.1.2009).


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