Saturday, 31. January 2009

Principiis obsta!

Keine Woche ohne moralisierende NS-Debatten. Ein Rundfunkrat der ARD st?§nkerte pro forma ?ºber die Stauffenberg-Persiflage von Oliver Pocher. Die sei ‚Äûpiet?§tslos‚Äú und schnitte ‚Äûden Helden des deutschen Widerstands‚Äú die Ehre ab. (Den Helden? Gab es mehrere in Deutschland? Wusste ich gar nicht. Klar, der Stauffenberg, der war ein Guter. Nicht zuletzt gilt er ja eben nicht als Urheber des Spr?ºchleins, mit dem Ersten sehe man besser, sondern vielmehr des Polit-Bonmots Wehret den Anf?§ngen.) Zumal mir deuchte, das Heldenhafte sei weniger eine Kategorie des demokratischen Deutschlands (und das von euch Freiburgern im Breisgau ‚Äì ba! ba! ba!), als mehr
zu Hause im Begriffsdunst von Mutterkreuz in gro?üdeutschen Ariermanufakturen und Plan?ºbererf?ºllern im Sozialismus. Ihr t?§tet besser daran, die Volkst?ºmler, vorwiegend der dritten Sender, vorwiegend des MDR, abzumahnen. Wenn durch ??ffentlich-rechtliche Mittel gesellschaftliche und kulturelle Dumpfheit und deutscher-Boden-Romantik gesch?ºrt wird, dann beim Silbereisen und seinen musikfreien Heimatapologeten.

Und am Tag, da der Gas-Zwist Russlands und der Ukraine mit abgedrehten Pipelines eskalierte, verlieh in Dresden der s?§chsische Ministerpr?§sident Tillich dem postmodernden Zaren Vladimir Putin, KGB-Mann in Dresden zu DDR-Zeiten und seines Zeichens nicht zuletzt lupenreiner Demokrat, einen Orden (‚ÄûSie sind der Stadt auf besondere Weise verbunden‚Äú). Der Terminus der Ahnungslosigkeit ist in legend?§rer Weise dieser Stadt zugeh??rig (Zusammenfassung bei extra3 des NDR). Das Dresdner Stadtmarketing w?ºnsche sich mehr Glamour, und Putin sei gerade in der Gegend gewesen ‚Äì so erkl?§rte sich unser Touristenf?ºhrer in Dresden an besagtem Tag jene Ereignisse, die f?ºr den Abend in der Semperoper anstanden. Minderwertigkeitskomplexe in Sachen Glanz & Glitzer arbeitet nun auch Leipzig auf, der Society-Klumpatsch greift aufs Gewandhaus ?ºber: Am 2. Februar verleiht man im Gro?üen Saal einigen Zusammengeklaubten den so getauften Mendelssohn-Preis 2009.

‚ÄûHelmut Schmidt, Armin Mueller-Stahl und Riccardo Chailly sind die diesj?§hrigen Preistr?§ger. Ornella Muti, Geraldine Chaplin und Justus Frantz w?ºrdigen die Preistr?§ger; als G?§ste werden erwartet Wolfgang Stumph, Cheryl Shepard, Peter Sloterdijk, Wolfgang Tiefensee und viele andere‚Äú (Gewandhaus.de)

Nicht, dass Schmidt mit Doktortiteln h.c. sicher sich totschmei?üen k??nnte und in den letzten Monaten ohnehin zur Gen?ºge durchs Dorf getrieben worden w?§re. Nicht, dass Schauspieler Mueller-Stahls grafisches Werk zweifelsohne unbedeutend ist. Nicht, dass eine Auszeichnung f?ºr den letztlich mit der den Preis verleihenden Stadt in einem Dienstverh?§ltnis stehende Chailly arg erinnert an den miefigen ‚ÄûAngestellten des Monats‚Äú. Nicht, dass Frantz im Gewandhaus wirklich fehl ist am Platze (wo doch Bruckners Dritte heute Abend so sch??n gewesen war). (Obgleich er nat?ºrlich mit Helmut Schmidt bekannt. Oder vielleicht sogar befreundet? Mit Leonard Bernstein sogar war er sehr befreundet! Erz?§hlte er Ende der 1990er-Jahre bei einem Konzert mit der Junge Ostblock Philharmonie [Name sinngem?§?ü] in der Martin-Luther-Kirche in Bad Harzburg. Mit Bernstein, ja, mit dem sei er sehr befreundet [gewesen ‚Äì Bernstein war ja tot]. Und in seiner Finca im Spanischen, dort war der Leonard gerne zu Gast, und der Helmut Schmidt nat?ºrlich auch. Und die Finca, na, gro?üe Geste, die k??nnten die Harzburger gerne mal borgen. ‚ÄûCasa de los Musicos‚Äú, die Vorsitzende des betreffenden Ferienhausstiftungsvereins ‚Äì auch eine Frantz vom Nachnamen her ‚Äì st?ºnde am Ausgang der Lutherkirche, die h?§tte Brosch?ºren. Das sagte er ‚Äì mitten im Konzert. Ja, der Herr Frantz. Ein Mann von Welt.) Nun denn, Leipzig: Maischberger moderiert und der Hauptdarsteller aus ‚ÄûGo Trabi Go‚Äú ist angefragt. Wer wollte das verpassen?… Maischberger, Lang Lang und Justus Frantz ‚Äì Kulturgigantomanie in Leipzigs Mauern. Hier geht was.

Update (9.2.2009): Auch die Neue Musikzeitung nmz online kann sich auch nicht so recht begeistern f?ºr den Preis-Event: Lieber Felix Mendelssohn Bartholdy, kein Platz f?ºr dich auf dem roten Teppich (31.1.2009).

Monday, 26. January 2009

neweder noh – Wo setzt man da eigentlich ein Komma?

Neu in Aldis K?ºhlregalen gibt‚Äôs den G??teborger Heringstopf. Entdeckte ich im Einkaufswagen vor mir, als ich wartend an der Kasse stand. Das ist mein zweites G??teborg-Flashback in nur wenigen Tagen. Am Samstag im Berliner Radialsystem hatte ich einen Konzertbesucher forsch angesprochen, von dem ich mir sicher war, mit ihm 2005 und 2006 an der Musikhochschule in G??teborg studiert zu haben. Der Vorname stimmte n?§mlich ?ºberein, was ich mit halbem Ohr aufgeschnappt hatte. Aber weit gefehlt, denn schnell stellte sich heraus, dass er weder Trompete spielt, noch jemals in Schweden studiert hat. Wahrscheinlich steht es ?§hnlich um den Salataufstrich, denn an besonders viel Sill kann ich mich nicht erinnern, h??her gehandelt wurden vielmehr Krabben unter dem Label V?§stkust, sodass dem V?§stkustsallad und dem G??teborger Heringstopf in erster Linie die reichhaltige Sahnezubereitung verwandt sein d?ºrfte. (Wie eigentlich bekommt man diesen Sallad richtig sch??n cremig?)

Thursday, 15. January 2009

Dem Tomatenbrot zum Vorteil gereichen

Der Winter l?§sst nach, heute morgen z?§hlte es kaum noch einen Grad minus. Ich verbringe meine Tage ein und aus in Dresden in der Dreik??nigskirche, wo der hiesige Kammerchor und sein Leiter Hans-Christoph Rademann zur 1. Dresdner Chorwerkstatt luden.

Die Dreik??nigskirche beeindruckte ab dem ersten Tag durch das Hausgeschirr, welches das regile Logo der Lokation zeigt. Und es ist Porzellan aus Kahla! Eine feine Sache. Teilweise Made in GDR, teilweise in Germany. Weder noch zeigen Unter- noch Kaffeetassen Schmarren oder Farbverluste, sodass mit meinem Dresdner Gastgeber ich mich gern einigte, dass ‚Äûnicht alles schlecht damals‚Äú gewesen sein kann. Porzellan aus Kahla galt heute vor zwanzig Jahren zwar als der ‚ÄûTrabi unterm Geschirr‚Äú (‚Äûes gab ja nichts anderes‚Äú), als potentieller werdender Liebhaber der th?ºringischen Marke postuliere ich jedoch: Ja, Kahla Porzellan ist eine feine Sache, und von vornherein standen bei der Chorwerkstatt meine Zeichen auf Holla, da man mir den Begr?º?üungskaffee in ebensolche beschriebene Tasse eingoss.

Drei Urauff?ºhrungen bereitet der Dresdner Kammerchor dieser Tage vor zwecks derer Darbietung beim Abschlusskonzert am Samstag, d. 17. Januar. Helmut Lachenmanns Besuch gestern und Clytus Gottwalds heute zeigen sich als ebenso berichtenswert, wie das Konzert am Samstag sicher sein wird. Man wird h??ren davon.

Tuesday, 6. January 2009

In Wiederholung des ehem. Grundrisses

Zweieinhalb Kilogramm mehlig kochenden Kartoffeln schneefeuchter Halbschuhe ‚Äì in Leipzig hat es 20 Zentimeter Neuschnee ‚Äì am Kassenlaufband beim Konsum an der Jahnallee geduldig beiseite stehend be?§uge ich die Zeitungsauslage: ‚ÄûIsrael besetzt Gaza-Streifen‚Äú schreibt die deutsche Financial Times, ‚ÄûOlmert: Wir hatten keine andere Wahl/ Abbas: Brutale Aggression‚Äú titelt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, ‚ÄûSchrecklicher Verdacht: War Althaus als Geisterfahrer unterwegs?‚Äú ‚Äì hei?üt es in der Bild-Zeitung. … Aber lassen wir das, Witzeln ?ºber die Bild-Zeitung ist so lahm wie ?ºber die Telekom, MDR Figaro oder Handytelefonierer im Zug.

Der Neujahrsbesuch in L?ºbeck war toll. Das Wetter weniger schneeig und weniger unter der Null die Temperaturen, daf?ºr mehr nieselig und nasskalt im Gesamteindruck. Eine Stadt mit gro?üer und langer Vergangenheit ‚Äì die obligatorischen architektonischen Macken des Wiederaufbaus, wie sie von Braunschweig bis Leipzig zum n?ºchternen Stadtbild geh??ren zwischen verstreuten Fachwerkh?§usern und alten Kirchen, infolge diverser Bombennachtskratzer an manchem Geb?§ude, eingeschlossen. Imposant ist die Kirchendichte (auch, wenn ich nicht wirklich verstehe, was die Informationstafel der ehemaligen Kapelle Maria zum Stegel damit meint, dass der ‚Äûalte Granitsockel 1974/75 in Wiederholung des ehem. Grundrisses neu versetzt‚Äú worden sei). Da zuallermeist informiert wird, dass eines ungem?ºtlichen Palmarum der fr?ºhen 1940er-Jahre auch diese Kirche, wie auch schon jene Kirchen, die man zuvor besuchte, einem durch politische Unachtsamkeiten ausgel??sten Gro?üfeuer zum Opfer gefallen war, imponiert der offensichtliche Aufbauwille der 50er- bis 70er-Jahre des Marzipan- und Buddenbrook-St?§dtchens umso mehr.

Die Sakralinteri??rs k??nnen einen etwas gruseligen Charakter allerdings nicht verschleiern. Die kalkwei?üen Anstriche wirken wie kosmetische Rettungsversuche der generalreparierten Mauern, die Sammlung von neuer, ?§lterer und mittelalterlicher Kirchenkunst wirkt nicht gewachsen, sondern wohl mehr als Kombination der mobiliaren ?úberreste und den t?ºchtigen Stiftungsauftr?§gen, die an zeitgen??ssische Skulpt??re vergeben wurden zur Kompensation diverser L?ºcken im Kirchenraum. Die schiere Menge historischer und kunstvoller G?ºter aus den Kirchen ist dennoch nicht zu ?ºbersehen; in Seitenbereichen sammeln sich, platzsparend gestapelt und nicht zur Ineinsichtnahme sonderlich herausgestellt, prunkvolle Sarkophage und Ged?§chtnisplatten, stehen mittelalterlich geschnitzte Kirchenb?§nke, die teilweise sogar die Brandsch?§den von 1942 im gewisserma?üen originalen Zustand aufzuweisen scheinen, provisorisch in Ecken verstaut. Jedenfalls unterscheidet sich der nachkriegliche Aufbauwille der Stadt L?ºbeck von dem der Stadt Leipzig und der DDR substantiell. Wo man dort um die Sanierung einer Backsteinkirche nach der anderen sich bem?ºhte, schleifte man hier in der ersten Nachkriegsphase die restlichen Gem?§uer der Matth?§uskirche zugunsten des neuen Stasi-Komplexes, und wie es der Universit?§tskirche St. Pauli am Augustusplatz, an deren Stelle heute der neue Universit?§tscampus w?§chst, erging, ist nur allzu bekannt.