Zweieinhalb Kilogramm mehlig kochenden Kartoffeln schneefeuchter Halbschuhe – in Leipzig hat es 20 Zentimeter Neuschnee – am Kassenlaufband beim Konsum an der Jahnallee geduldig beiseite stehend beäuge ich die Zeitungsauslage: „Israel besetzt Gaza-Streifen“ schreibt die deutsche Financial Times, „Olmert: Wir hatten keine andere Wahl/ Abbas: Brutale Aggression“ titelt die Frankfurter Allgemeine Zeitung, „Schrecklicher Verdacht: War Althaus als Geisterfahrer unterwegs?“ – heißt es in der Bild-Zeitung. … Aber lassen wir das, Witzeln über die Bild-Zeitung ist so lahm wie über die Telekom, MDR Figaro oder Handytelefonierer im Zug.

Der Neujahrsbesuch in Lübeck war toll. Das Wetter weniger schneeig und weniger unter der Null die Temperaturen, dafür mehr nieselig und nasskalt im Gesamteindruck. Eine Stadt mit großer und langer Vergangenheit – die obligatorischen architektonischen Macken des Wiederaufbaus, wie sie von Braunschweig bis Leipzig zum nüchternen Stadtbild gehören zwischen verstreuten Fachwerkhäusern und alten Kirchen, infolge diverser Bombennachtskratzer an manchem Gebäude, eingeschlossen. Imposant ist die Kirchendichte (auch, wenn ich nicht wirklich verstehe, was die Informationstafel der ehemaligen Kapelle Maria zum Stegel damit meint, dass der „alte Granitsockel 1974/75 in Wiederholung des ehem. Grundrisses neu versetzt“ worden sei). Da zuallermeist informiert wird, dass eines ungemütlichen Palmarum der frühen 1940er-Jahre auch diese Kirche, wie auch schon jene Kirchen, die man zuvor besuchte, einem durch politische Unachtsamkeiten ausgelösten Großfeuer zum Opfer gefallen war, imponiert der offensichtliche Aufbauwille der 50er- bis 70er-Jahre des Marzipan- und Buddenbrook-Städtchens umso mehr.
Die Sakralinteriörs können einen etwas gruseligen Charakter allerdings nicht verschleiern. Die kalkweißen Anstriche wirken wie kosmetische Rettungsversuche der generalreparierten Mauern, die Sammlung von neuer, älterer und mittelalterlicher Kirchenkunst wirkt nicht gewachsen, sondern wohl mehr als Kombination der mobiliaren Überreste und den tüchtigen Stiftungsaufträgen, die an zeitgenössische Skulptöre vergeben wurden zur Kompensation diverser Lücken im Kirchenraum. Die schiere Menge historischer und kunstvoller Güter aus den Kirchen ist dennoch nicht zu übersehen; in Seitenbereichen sammeln sich, platzsparend gestapelt und nicht zur Ineinsichtnahme sonderlich herausgestellt, prunkvolle Sarkophage und Gedächtnisplatten, stehen mittelalterlich geschnitzte Kirchenbänke, die teilweise sogar die Brandschäden von 1942 im gewissermaßen originalen Zustand aufzuweisen scheinen, provisorisch in Ecken verstaut. Jedenfalls unterscheidet sich der nachkriegliche Aufbauwille der Stadt Lübeck von dem der Stadt Leipzig und der DDR substantiell. Wo man dort um die Sanierung einer Backsteinkirche nach der anderen sich bemühte, schleifte man hier in der ersten Nachkriegsphase die restlichen Gemäuer der Matthäuskirche zugunsten des neuen Stasi-Komplexes, und wie es der Universitätskirche St. Pauli am Augustusplatz, an deren Stelle heute der neue Universitätscampus wächst, erging, ist nur allzu bekannt.
