Von Thüringischen und Thüringern
Man versteckt ein Ding im Busch, sucht danach und entdeckt es. Darüber schrieb Nietzsche im Jahr 1873, wie ich in der FAZ lese im Kontext eines Artikels, der darauf hinaus will, dass unser Urgeschichte-Frauenbild allzu geprägt sei von Fred und Wilma Feuerstein. Offenbar lebe ich in der Vergangenheit. Wobei sich das nicht deutlich macht daran, dass ich von den Neandertalern las, sondern dass besagte Frankfurter Zeitung ein Exemplar ist von vor Monaten. So arm bin ich: Ich lese Altpapier.
Aber die Zeiten ändern sich, denn als einer von fünf Leipziger Musikstudierenden ward ich nach Weimar gerufen, wo wir faktische 8, gezählte 10, gefühlte 12 Stunden uns zugunsten eines Berufungsverfahrens an der Hochschule für Musik uns aufhielten, um für gute zwanzig ?ñcken den so genannten Hausbewerbern die Seminaristenstatisterie zu geben. Das schönste thüringische Ferienerlebnis war ein Kandidat, ein Herr oder eine Frau, wer weiß…, der uns anhielt, über ein fadenscheiniges musikalisches Thema in c-Moll, das er an der Tafel notierte, zur Irritation der Probestudierenden zugleich am Klavier aber rhythmisch kaum sinngemäß wiederzugeben in der Lage war, eine Fortspinnung zu komponieren, wobei dieser kreative Prozess ins Außengesteuerte zu driften schon nach kurzer Zeit nicht mehr aufzuhalten war. Ein Kommilitone wünschte den Melodie- und damit neuen Leitton a – abgelehnt. Eine Kommilitonen skizzierte eine so verminderte wie unproblematische Melodieführung – abgelehnt. Der gerufen zu werden sich bitter Wünschende hatte offenbar schon eine eigene Variante parat, verbrachte ebenjene unter rhetorischer Anscheingabe, es handle sich stets um unsere Ideen und Absichten, flugs an die Tafel, zog nach Vervollständigung unseres alias seines Viertakters mittels Oberlehrerton implizites Fazit („Warum klingt das denn jetzt schön?“) und brachte am Klavier unter mimischer Anscheingabe, es handle sich um Improvisation, die 4 x 6 Achtelzählzeiten zu einem Serviertellerschluss, wobei er windelweichen Kadenzzwirns, mit dem zu Midsommar nachts um drei Uhr finnische (betrunkene – versteht sich von selbst) Polkamusikanten jede Tangoschnulze zurechtzuquartvorhalten pflegen, die fachliche alias freundschaftliche Zuneigung diverser Berufungskommissare offenbar leichterdings zu gewinnen imstande war.
Aber das war vorgestern, davon ist keine Rede mehr. Mein Fokus liegt wieder vermehrt auf der Gegenwart. Zumal – in eigener Sache – gestern meine Blasmusiknummer „concerto bavarese“ beim Kompositionswettbewerb „flammabis“ in den Mainfrankensälen zu Veitshöchheim durch das Polizeimusikkorps München (Ltg. Johann Mösenbichler) uraufgeführt ward und einen ebenso erfreulichen wie soliden 3. Preis einstrich.

