Seht auf diese Stadt!
Ein genuiner Tagebucheintrag. Sonntag, d. 3. August, etwa um 16 Uhr.

Als ich heute gegen halb zwei mit dem Zug aus Halmstadt in Kopenhagen ankomme, werde ich um zwei Erkenntnisse über die skandinavischen Länder reicher. Erstens ist SJ, die schwedische Bahngesellschaft, mit ihrer Arbeit ganz offensichtlich überfordert, denn sie organisierte mir eine nur suboptimale Verbindung; ohne Probleme hätte ich mich ab Dänemark schon zwei Stunden früher nach Hamburg aufmachen können. Zweitens tu ich mich als EU-Bürger mit der dämlichen Dänischen Krone, der Währung, schwer: Um die Toiletten zu besuchen oder die Reisetasche in der Gepäckaufbewahrung ein Stündchen aufzubewahren, muss man ernstlich in der Travelboutique zehn Euro in die Heimwährung dieser zwergenhaften, auf der Europakarte kaum einen Daumenabdruck ausfüllenden, Karikaturisten- und Periphärienation wechseln.
Nun, denn: Kopenhagen H. Ein großer Bahnhof, der zum nicht Bleiben einlädt. Ich nutzte die zwei freien Stunden zur Jause, und fand neben der Gepäckabgabe einen Seitenausgang, der zu den sonnigen, hauptstädtisch anmutenden Straßen wies. Warum läuft im kleinen Ausgangsraum aus versteckten Deckenlautsprechern alberne und hektische Stimmungsmusik? Ein erster Hinweis an den Kosmopoliten, ich hätte ihn verstehen müssen, aber ich komme aus Leipzig. Schon beim ersten Schritt ins Freie rauschte ein Berauschter an mir vorbei, der wild gestikulierend eine Elektrogitarre zu spielen imitierte zum lärmigen Playback aus einem beistehenden, alten Lada. Ich wurde nicht skeptisch, ich hätte es werden sollen. Unbefangen passierte ich an einer Backsteinkirche einen ersten Pulk Drogenabhängiger und ließ zwei Erotik-Fachgeschäfte zu meiner Rechten verschwinden, dann ein Erotik-Filmgeschäft, auf den Verleih spezialisiert, zu meiner Linken, dann ein weiteres, auf das stationäre Erlebnis spezialisiert, wiederum zur Rechten. 150 Meter maß der Spaziergang, bis mein Urteil fiel, zum Stullen Verspeisen nicht den adäquaten Teil Dänemarks Hauptstadt gefunden zu haben, und fühlte mich in meiner Entscheidung, umzukehren, bestätigt, als auf dem Rückweg zum Bahnhof das Gespräch mit mir eine junge Prostituierte suchte („Hi Sweety!“) und nur 20 Meter weiter eine zweite („Let’s go!“).
Aber klar war: Solche Bahnhofsstraßen gibt’s nur in den wirklich großen und tollen Städten. In bester Erwartung auf kapitale Erlebnisse für meine Leberwurst-Gurken-Brote verließ ich Kopenhagen H diesmal durch den Hauptausgang, passierte das Astoria, das Copenhagen Plaza, und fühlte mich spätestens vorm Tivoli, wo heuer das New York City Ballett seine Tanzbeine zu schwingen sich anschickt, am rechten Ort.
Und ich erreichte Kopenhagen. Was für ein Platz! Unabhängig von dänischen Kuriositäten wie etwa einer Würstchenbude der dänischen Marke Tulip – oh Schicksal, oh Graun! –, weckten vor allem die digitalen Sekunden-Countdowns auf den dänischen Ampeln (20 Sekunden abwärts in Grün, 60 Sekunden abwärts in Rot) die kleinstädtische Neugier des Leipzigers, also mir. Kurz noch wunderte ich mich über die Panflötenindianer-Truppe, auf prominentester Mitte des Platzes ihr Synthesizer-Playback abliefernd, wie sie schon nur mittelgroßen Städten in Niedersachsen abgelegt gelten, während ich schwedische Schinkenbrote verdrückte, sauste dann geschwind zum Gleis 5, und bespaße mich nunmehr mit dem so impulsiven wie naseweisen Zweitklässler Ruben aus Berlin-Wedding, der auf dem Fensterplatz im ICE 32 gen Hamburg meinen Sozius gibt und gerade den Lyriker in sich entdeckt:
„Wenn die Sonne scheint,
unser Herz nicht weint.
Scheint sie aber nicht
schreib’ ich ein Gedicht.“
Seht auf diesen Berliner!

