Wednesday, 27. August 2008

Ein Mittwoch in Leipzig

Einfach mal durch die Stadt flanieren, ei, was einem da begegnet. Vier Airlebnisse unter Leipzigs freiem Himmel in nur drei Stunden. Ein s?§chsisches Brauhaus beispielsweise verschenkte promotionhalber am helligten Nachmittag vorm Haus der Geschichte 0,33-l-Flaschen mit Brause versetzten Biers. K?ºhl und kostenlos, daf?ºr nimmt man auch das Schauderpr?§dikat: ‚ÄûLemon‚Äú in Kauf sowie die etwas d?ºnne Drehzahl von 2,5 Teilen Alkohol zu sage und schreibe 97,5 Teilen Limo-Getreide-Zubereitung. Von j?ºngeren Spaziergehern lie?ü man sich zwar das erreichte 16. Lebensjahr versichern, ??ffnete die Flasche aber simultan: eine sch??ne Variante, junge Leute ganz ungezwungen und zwischendurch um halb drei anzuregen, selbst verantwortungsvoll zu sein, sich selbst zu begrenzen, anstatt den Personalausweis Ma?üstab aller Kleinigkeiten sein zu lassen.

Das Gewandhaus, kann man auf Plakaten in der City lesen, wiederer??ffnet seinen Konzertbetrieb am 6. September auf dem Augustusplatz bei freiem Eintritt. Und nennt das ‚Äì auweia: ‚ÄûKlassik airleben‚Äú. Was f?ºr ein ‚Äûrhetorisches Sauerkraut‚Äú (Zitat FAZ, allerdings zu einem anderen Thema). Obwohl am Hause Herr Steffen Schleiermacher besch?§ftigt ist, der erst k?ºrzlich in seinem musica nova-Flyer ?ºbers Dasein als ‚ÄûTitelier‚Äú elaborierte, tut das Gewandhaus selten Gl?ºcksgriffe, wenn‚Äôs Namen f?ºr Konzerte, Aktionen und Reihen zu finden gilt: ‚ÄûJugendorchester_Zyklus‚Äú (der Unterstrich kommt meines Wissens aus der Counterstrike-Tradition, weil die Software bei Spielernamen keinen Leerzeichen gestattet; im Unterschied zum Gewandhaus hei?üt man dort aber vielmehr: Bin_Laden, FUCK_Bush, King_of_Massacre oder *NS*_Adolf. Ob man sich der Implikationen bewusst war?), ‚ÄûSoundcheck‚Äú oder gar: ‚Äûnatur|musik: schaurig‚Äú. Seufz. Cool sein ist schwierig. So viel Angst vor sinnigen Namen? Airheiternd.

Das Mendelssohn Kammerorchester Leipzig, kann man auf Plakaten an etwas abseits gelegenen Mauern und Baustellenz?§unen lesen, steht in musikp?§dagogischen Dingen dem Gewandhaus in nichts nach. Dort verkauft man ein Solokonzert Schumanns in a-Moll und Mendelssohns Hebriden-Ouvert?ºre als ‚ÄûKonzert f?ºr Neugierige‚Äú (7. September). Als Garanten f?ºr qualit?§tsvolle Neugier und Spannung fungieren dabei Ursula von der Leyen (Schirmherrschaft – …frauschaft. Hehehe) und Peter Korfmacher (Moderation).

Echtes Leipziger Finale auf dem R?ºckweg nach Hause: die Polizei aus Stadt und Umland bringt sich in Position f?ºrs Fu?üballspiel heute Abend. Bremen schickt sich an, Lok vom Felde zu pusten. Die Polizei schickt sich an, den hiesigen Fans nach Spielausgang mit Rat und Tat ‚Äì eher wohl mit Tat ‚Äì zur Seite zu stehen.

Monday, 4. August 2008

Seht auf diese Stadt!

Ein genuiner Tagebucheintrag. Sonntag, d. 3. August, etwa um 16 Uhr.

Als ich heute gegen halb zwei mit dem Zug aus Halmstadt in Kopenhagen ankomme, werde ich um zwei Erkenntnisse ?ºber die skandinavischen L?§nder reicher. Erstens ist SJ, die schwedische Bahngesellschaft, mit ihrer Arbeit ganz offensichtlich ?ºberfordert, denn sie organisierte mir eine nur suboptimale Verbindung; ohne Probleme h?§tte ich mich ab D?§nemark schon zwei Stunden fr?ºher nach Hamburg aufmachen k??nnen. Zweitens tu ich mich als EU-B?ºrger mit der d?§mlichen D?§nischen Krone, der W?§hrung, schwer: Um die Toiletten zu besuchen oder die Reisetasche in der Gep?§ckaufbewahrung ein St?ºndchen aufzubewahren, muss man ernstlich in der Travelboutique zehn Euro in die Heimw?§hrung dieser zwergenhaften, auf der Europakarte kaum einen Daumenabdruck ausf?ºllenden, Karikaturisten- und Periph?§rienation wechseln.

Nun, denn: Kopenhagen H. Ein gro?üer Bahnhof, der zum nicht Bleiben einl?§dt. Ich nutzte die zwei freien Stunden zur Jause, und fand neben der Gep?§ckabgabe einen Seitenausgang, der zu den sonnigen, hauptst?§dtisch anmutenden Stra?üen wies. Warum l?§uft im kleinen Ausgangsraum aus versteckten Deckenlautsprechern alberne und hektische Stimmungsmusik? Ein erster Hinweis an den Kosmopoliten, ich h?§tte ihn verstehen m?ºssen, aber ich komme aus Leipzig. Schon beim ersten Schritt ins Freie rauschte ein Berauschter an mir vorbei, der wild gestikulierend eine Elektrogitarre zu spielen imitierte zum l?§rmigen Playback aus einem beistehenden, alten Lada. Ich wurde nicht skeptisch, ich h?§tte es werden sollen. Unbefangen passierte ich an einer Backsteinkirche einen ersten Pulk Drogenabh?§ngiger und lie?ü zwei Erotik-Fachgesch?§fte zu meiner Rechten verschwinden, dann ein Erotik-Filmgesch?§ft, auf den Verleih spezialisiert, zu meiner Linken, dann ein weiteres, auf das station?§re Erlebnis spezialisiert, wiederum zur Rechten. 150 Meter ma?ü der Spaziergang, bis mein Urteil fiel, zum Stullen Verspeisen nicht den ad?§quaten Teil D?§nemarks Hauptstadt gefunden zu haben, und f?ºhlte mich in meiner Entscheidung, umzukehren, best?§tigt, als auf dem R?ºckweg zum Bahnhof das Gespr?§ch mit mir eine junge Prostituierte suchte (‚ÄûHi Sweety!‚Äú) und nur 20 Meter weiter eine zweite (‚ÄûLet‚Äôs go!‚Äú).

Aber klar war: Solche Bahnhofsstra?üen gibt‚Äôs nur in den wirklich gro?üen und tollen St?§dten. In bester Erwartung auf kapitale Erlebnisse f?ºr meine Leberwurst-Gurken-Brote verlie?ü ich Kopenhagen H diesmal durch den Hauptausgang, passierte das Astoria, das Copenhagen Plaza, und f?ºhlte mich sp?§testens vorm Tivoli, wo heuer das New York City Ballett seine Tanzbeine zu schwingen sich anschickt, am rechten Ort.

Und ich erreichte Kopenhagen. Was f?ºr ein Platz! Unabh?§ngig von d?§nischen Kuriosit?§ten wie etwa einer W?ºrstchenbude der d?§nischen Marke Tulip ‚Äì oh Schicksal, oh Graun! ‚Äì, weckten vor allem die digitalen Sekunden-Countdowns auf den d?§nischen Ampeln (20 Sekunden abw?§rts in Gr?ºn, 60 Sekunden abw?§rts in Rot) die kleinst?§dtische Neugier des Leipzigers, also mir. Kurz noch wunderte ich mich ?ºber die Panfl??tenindianer-Truppe, auf prominentester Mitte des Platzes ihr Synthesizer-Playback abliefernd, wie sie schon nur mittelgro?üen St?§dten in Niedersachsen abgelegt gelten, w?§hrend ich schwedische Schinkenbrote verdr?ºckte, sauste dann geschwind zum Gleis 5, und bespa?üe mich nunmehr mit dem so impulsiven wie naseweisen Zweitkl?§ssler Ruben aus Berlin-Wedding, der auf dem Fensterplatz im ICE 32 gen Hamburg meinen Sozius gibt und gerade den Lyriker in sich entdeckt:

„Wenn die Sonne scheint,
unser Herz nicht weint.
Scheint sie aber nicht
schreib’ ich ein Gedicht.“

Seht auf diesen Berliner!