Montag, 21. Juli 2008

Geschichten aus dem Teutoburger Wald


Darmstadt est fini. Nach mehr als zwei Wochen schlafdefizitärer und erregter Ferienkurse schloss am Samstag 19. Juli 2008 die hessische Studienmassenveranstaltung mit einem Konzert des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung Johannes Kalitzkes. Drei gewaltig besetzte Werke (Vykintas Baltakas, *1972: Poussla. Misato Mochizuki, *1969: Homeobox. Wolfgang Rihm, sakrosankt: IN-SCHRIFT) erfüllten großklangig die vom Sonnenuntergang ins Rosarot getauchte Sporthalle am Böllenfalltor. Den drei Stücken folgte eine kurze Pause, um den Abend mit der Verleihung zahlloser Förder- und Musikpreise an eine kleine Zahl würdig gedünkter Studierender abzuschließen.

Der erste Teil, das Konzert, ließ wundern. Baltakas zwar fasste das Orchester recht zart an, evozierte mit seiner unattraktiven Blockhaftigkeit und dem unausgelasteten obligaten Soloensemble beim Hörer Gleichmütigkeit, und irritierte vollends, als große Gesten und Klänge Wagners zu tönen schienen. Unzufriedenheit. Reizvoll instrumentiert und ausgehört wusste Mochizuki zwar Spaß zu machen, ließ die Sache aber durch Motorität und einige alberne Passagen erlahmen. So kennzeichneten rhythmische binäre Unentwegtheiten und so ein vages Gefühl einer „Sacre“-Mottoparty besprochene erste beide Werke des Abends.

Dann kam Rihm.

Um die Überschrift dieses Eintrags zu explizieren, hole ich etwas aus. Johann Strauß minor nämlich walzte 1868 jenes sein Opus 325, kurzum seine zigste Orchestergelegenheit, über den Wienerwald. Dann tondichtete sein Namensvetter zweiten Grades, Richard Strauss, deutschnationaler Orchestermassierer und belegter Maßen Vertreter unentarteter Musik, 30 Jahre später mit Wumms das (respektive sein) „Heldenleben“ op. 40. Hier also kommt der Karlsruher Repräsentationskomponist Wolfgang Rihm (56) ins Spiel. In seiner Person vereinen sich die hohen Opuszahlen (und zeitgewöhnliche Werktitelierungen) Straußscher, und der überbordende, pathetische und krachige Charakter Straussscher Orchesterwerke, abgetönt durch eben jenes Maß von Feierton und Langatmigkeit, das wie Richard Straussens o.g. Tonepos autobiografischen Gehalt herauszulesen zwingt.

Rihm ist als traditionaler Komponist nur zu begreifen.

Aber in medias res. IN-SCHRIFT (1995) von Rihm beginnt laut. „Wie immer“, konstatiert entnervt ein Nebenmann und erfindet spontan, in Anlehnung an den Fachbegriff für einen speziellen, sehr lauten Trommelschlag, die Pseudovokabel „Rihm-Shot“. So sehr ich Rihms gelegentlichen polyphonesken Zerfaserungen lieb habe, so wenig kann ich mit den Dauern und zeitlichen Entfaltungen seiner Werke Freundschaft schließen. Und unabhängig von Fragen der Zeit ist da bei Wolfgang Rihm auch mal wieder jener Punkt, bei dem auch in Sachen Gestus der Allumarmung keiner mehr weiß, was das soll. Das Orchester glüht und treibt in Blocksätzen an. Im „Herr der Ringe“-Film kämen solche Musiken, um zu illustrieren, dass es an den Fronten brennt und Heeresmassen auszuheben sind, oder wenn die gefallenen Eigenen betrauert werden. Und so denke ich, als zum Nörgeln erzogener Geschichtspädagoge, dann unabwendbar im Laufe des Stücks, plötzlich schiene Vergangenheit wieder unbewältigt.

Schon während des Konzerts ahne ich jedenfalls, was meine amerikanischen Kommilitonen (in diesen Dingen geradezu barometrischer Kompetenz gesegnet) denken werden. Ich würde Recht behalten. Die Kalifornier aus dem Westen scheinen zur Zeit nämlich in grundsätzlichem Widerspruch zu Musikauffassungen der Hyperurbanisten aus New York im Osten zu stehen. Kurzum: Den Menschen aus Brooklyn gefiel das Konzert; die jungen Kalifornier hingegen waren anschließend am Ende ihrer Nerven.

Kurios.

So polarisierten die gespielten Werke. Angeblich buhten einmal auch Dozenten. Bei ihrer Juryarbeit, kolportieren Kommilitonen deren Unmut, würden sie gegenüber den Studentenleistungen so sehr zu Strenge angehalten. Warum also unkritische Solidarität üben, warum clementia collegae.

Bei den Preisverleihungen schließlich kocht die Stimmung über. 191 Komponisten sind vor Ort, und Viele rechnen sich Chancen aus. Bei nur acht zu vergebenden Förderstipendien und drei Kranichsteiner Musikpreisen ist mit Kompromissen zu rechnen und hitzige Atomsphäre vorprogrammiert. Am Ende gibt es viel großen Jubel, zugleich viel Unmut und Unverständnis. Einigen Kommilitonen ist nach der Veranstaltung zum Feiern keineswegs zu Mute; im Weblog der nmz.de kennt die Zerknirschtheit keine Grenzen mehr.

Das Abschlusskonzert war harmlos. Ob des Bierausschanks aber voll befriedigend.
Und „Darmstadt“ war trotz aller Mäkelei ein großer Spaß.

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