Donnerstag, 17. Juli 2008

“And He shall purify”

Die Tage zogen ins Land und hier im Onlinetagebüchlein war nichts Neues zu lesen. Darmstadt vorbei? Weit gefehlt. Im Gegenteil, die Konzertfrequenz nahm sogar zu. Allein, ob die Lectures sich veränderten, vermag ich mangels regelmäßiger Teilnahme nicht qualifiziert zu beantworten. Alsdann, versuchen wir, die vergangene Zeit in Ausschnitten zu rekapitulieren.

Montag, 14. Juli, Sporthalle am Böllenfalltor. Ein Ort, dem erst kürzlich bei einem Konzertereignis mit dem Ensemble ascolta nicht von sich Reden zu machen gelang. Am Montag schließlich programmierte der Festivalplan ein „Schlagzeug Konzert“. Mal mehr, mal weniger Schlagwerker spielten drei, mal mehr, mal weniger laute, Werke. Eine australische Komponistin ließ sage und schreibe 12 (in Worten: zwölf) Schlagwerker divers tirilieren und tremolieren, das gab ein großes Hallo. Schließlich meditierte noch Wolfgang Rihm mit dem Lautstärkepegel eines startenden Düsenflugzeugs über das Thema „Kreuz“, zärtlich im Fortissimo liebkosen ließ er sein Sextett u.a. sechs Große Trommeln, über die schon Walter Piston, der personalunione Delling und Netzer in Sachen Orchestration, wusste: Wenn die Große Trommel nur ordentlich knallt, spielt es keine Rolle mehr, welcher Akkord im Sinfonieorchester erklingt (Piston lebte in einer Zeit und in einem Land von Moll und Dur. Heute spielt ohnehin oft keine Rolle mehr, welcher Akkord im Sinfonieorchester erklingt).

Tags drauf, am Dienstag, den 15. Juli, irritierte beim Dozentenkonzert II um 17 Uhr in der Orangerie Herr Jermias Schwarzer, Blockflöten-Dozent bei den Ferienkursen, mit einer paradoxen Bewertung der Ergebnisse vom Kompositionswettbewerb „modern recorder project“: 50 „high quality“ Kompositionen seien eingereicht worden, lobte er; anschließend zeichnete er aber nur eine einzige davon mit Preis aus – und zwar mit einem zweiten. High quality Blockflötenensemble im Anschluss.

Mittwoch, 16. Juli, Turnhalle um 14 Uhr. Brian Ferneyhough und Wolfgang Rihm lassen sich ein auf das vorgegebene Diskussionsthema: „Komposition unterrichtet?“ Ein außerordentlich versöhnliches Aufeinandertreffen zweier „Dinosaurier“ (Manos Tsangaris) findet statt. „Speaking of Freiburg“, hebt Ferneyhough an, und beginnt zu berichten von einem legendären Ort und seiner Unberührbarkeit, weiß aus alten Zeiten über „Klaus Hubers organisatorische Fähigkeiten“ zu sagen, dass jene „nicht besonders ausgeprägt waren“. Man schwelgt gemeinsam von „der Mystik des leeren Blattes“, Zwist ist nicht in Sicht. Ferneyhough legt den Studierenden nahe, über „die richtigen Mittel … für eine bestimmte Situation“ zu reflektieren, Rihm vergleicht seine Unterrichtsarbeit bildhaft mit der Unkrautzupferei eines Gärtners (was, mit Verlaub, an die NS-affine „junge Bäume muss man anbinden“-Pädagogik aus dem Durchhaltemovie „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann erinnert). Rihm rät an: „Reinige das, was du hier hast, von allem Zierrat. Das ist vielleicht etwas ärmer, aber es ist Deines.“

Donnerstag, 17 Juli um 14 Uhr, wird in der Turnhalle der Lichtenbergschule seitens einiger Teilnehmer der Ruf nach mehr „community“ und nach „alle zusammen“ laut. Die Debatte „musicians discuss Darmstadt“ verliert nicht erst an Präzision, als sie ans Plenum weitergegeben wird. Ein Kommilitone fordert Zusammenarbeit mit Kindergärten, ein anderer bringt die Vokabel „Bringschuld“ ins Spiel, ein italienischer Komponist beklagt die Einsparungen im Kultursektor seines Heimatlandes, plötzlich holt ein Musikwissenschaftler weit aus und spricht von der Illusion des postmodernen Pluralismus und möchte die Zweite Moderne in Darmstadt diskutiert sehen. Kurz äußert sich noch, ohne bemerkenswert zur Kenntnis genommen zu werden, eine vor wenigen Tagen bei der Vergabe des Staubach-Preises nicht Bedachte, und ein Studierender wundert sich über das Motto der Veranstaltung, er selber habe, au contraire den marxösen Discuss-Darmstadt-Thesen, mit seiner Individualität nämlich kein Problem. Aber auch darüber kann nicht weiter gesprochen werden, die 60 Minuten sind vorbei. … Die Diskussion darf als krepiert gelten und wird ohne Zweifel in die Annalen der Ferienkurse nicht eingehen

Selber Tag, 15 Uhr, immer wieder gerne Wolfgang Rihm im Gespräch, heute: „Gejagte Form(en) in der Musik“. Wer sich nicht am gewissen didaktischen und väterlichen Habitus Rihms Rede stört, darf sich über Anekdoten und heitere Äußerungen freuen. In seinem Werk sei, keine Neuigkeit, „alles instinktgeleitet“ und Adorno sei ihm bekannt geworden als „ein kleiner, rundlicher Mann“. Aha, aha. Schließlich richtet er sich, in Rekurs auf das etwas wundersam-kollektivierende Studentenzusammenkommen um 14 Uhr, an die Teilnehmerschaft und erklärt im großen Duktus eines Jugendpfarrers von der Zeit, als er selber Student in Darmstadt gewesen sei, nur 18 Jahre alt, und dass es ihm damals ging, „so wie es vielen von euch geht. Allein gelassen, hilflos. Aber das ist vielleicht mein Kraftmoment … Da kann man auch Kraft draus ziehen, dass man eben anders ist.“ Noch eine Frage, noch eine, noch eine, danke, danke, Dank auch dem Dolmetscher, Zeit vorbei.

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