„Wie Räuber am Wegesrand“
Bilden Sie ein Werkkonzept aus den Wörtern: Parabolspiegel, Toscanini, Amme, Beethoven, Steinbruch, Agent, Coriolan, (Walter) Benjamin. Mit dieser lustigen Begriffsverkettung konnte Anfang der Woche noch Robin Hoffmann die Entstehung seiner Orchesterkomposition „Schorf“ erklären. Diese nämlich beginnt mit einem langen Ton c (respektive C) in allen Streichern und – Peng! – Akkord! Durchatmen, Pause, und noch einmal: … C, und – Zack! – Akkord! … Das ist aber eben nicht Hoffmann, sondern eins zu eins ein klassischer Orchester-Opener vom Ludwig van. Und warum Zitate? Gute Frage (sage ich). Sie helfen ihm (sagt er), über seine Musik zu sprechen. Dann hat Robin Hoffmann dazu noch ein Benjamin-Zitat auf Tasche, eines mit Räubern und eigener Überzeugung, das nicht so richtig verstanden wird, und von dem Hoffmann auch nicht ganz weiß, wo er es gelesen hat.
So eine Veranstaltung heißt Lecture. Eine Lecture bei den Ferienkursen erinnert in Ablauf und Attraktivität oftmals an Studentenreferate am Historischen Institut der Uni Leipzig, sie dauert zwischen 45 und 90 Minuten, denen sich im Regelfalle zwei bis drei passioniert-leidenschaftslose Fragen anschließen.
Da holte Brian Ferneyhough gestern früh, am Freitag um 9.30 Uhr im Basislager Turnhalle, deutlich weiter aus. 90 Minuten?.. „Noch Fragen?“ hieß es da erst nach zweieinviertel Stunden Vortrags. Noch Fragen? Eine. Plus die obligatorische Äußerung seitens der Moderation. Das könnte daran liegen, dass Ferneyhough in diesem Marathon mehr Gedanken ins Spiel zu bringen wusste, als der durchschnittlich schlafentzogene Student von dem harmlosen Vormittag wahrscheinlich erwartet hatte.
Er spricht über Bruckner, Motetten, Salome von Richard Strauss, und Jean Sibelius. Dann räumt er Mitverantwortung ein für die wackelige Uraufführung seines Orchesterwerks „Plötzlichkeit“ bei den Festtagen für Neue Musik in Donaueschingen 2006. Zwar sei da ein „change of the conductor“ und „many other things“ gewesen. Aber auch der „late delivery“ des Aufführungsmaterials seinerseits. Er spricht über das Gitarrenkonzert in seiner Oper „Shadowtime“ („What does it do in an opera? It depends on what you think an opera is“) und seine Verwirrung („Oh dear!“), als ein Hörer ihm damals sagte, nach der zweiten Aufführung hätte jener im Bühnenwerk einen Formzusammenhang erkannt (wo er doch so bemüht gewesen sei, „to destroy the concept“). Dann rät er noch jungen Komponisten zum Rückwärts komponieren und zu Amnesie.
Ferneyhough ist ein Kuriosum. Sein Vokabular – Ferneyhough referiert auf Englisch – ist beeindruckend, es ist die Rede vom „double ground“, „faked time“ und „confused multiplicities“. Zugleich scheint er (lange lebte er schließlich in Deutschland) ohne deutsche Begrifflichkeit nicht auszukommen, und so ist sein Fließtext gespickt mit „Blicken“, „Umfeld“, „Schadenfreude“, „Deutung“, „Frömmigkeit“, „Erhabenheit“. Und – selbstverständlich – „Plötzlichkeit“.
Ein wunderbarer Tagesabschluss gestern das Konzert mit Werken Marco Stroppas in der Orangerie: „Hommage à György K.“ (2003-2004) für Klarinette, Viola und Klavier (ebenso zart und prägnant, wie auch zeitgemäß komponiert; vorzüglich interpretiert von Ernesto Molinari, Pi-Hsien Chen und Barbara Maurer) und „Spirali“ (1987-1988) für Streichquartett und Elektronik (fraglos überzeugend dargeboten vom Arditti Quartett).
Ardittis auch wieder heute: „Sonatas for String Quartet“ von 1967 nachmittags um fünf, die Streichquartette 2-5 in einer halben Stunde.


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