Geschichten aus dem Teutoburger Wald

Darmstadt est fini. Nach mehr als zwei Wochen schlafdefizit?§rer und erregter Ferienkurse schloss am Samstag 19. Juli 2008 die hessische Studienmassenveranstaltung mit einem Konzert des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung Johannes Kalitzkes. Drei gewaltig besetzte Werke (Vykintas Baltakas, *1972: Poussla. Misato Mochizuki, *1969: Homeobox. Wolfgang Rihm, sakrosankt: IN-SCHRIFT) erf?ºllten gro?üklangig die vom Sonnenuntergang ins Rosarot getauchte Sporthalle am B??llenfalltor. Den drei St?ºcken folgte eine kurze Pause, um den Abend mit der Verleihung zahlloser F??rder- und Musikpreise an eine kleine Zahl w?ºrdig ged?ºnkter Studierender abzuschlie?üen.
Der erste Teil, das Konzert, lie?ü wundern. Baltakas zwar fasste das Orchester recht zart an, evozierte mit seiner unattraktiven Blockhaftigkeit und dem unausgelasteten obligaten Soloensemble beim H??rer Gleichm?ºtigkeit, und irritierte vollends, als gro?üe Gesten und Kl?§nge Wagners zu t??nen schienen. Unzufriedenheit. Reizvoll instrumentiert und ausgeh??rt wusste Mochizuki zwar Spa?ü zu machen, lie?ü die Sache aber durch Motorit?§t und einige alberne Passagen erlahmen. So kennzeichneten rhythmische bin?§re Unentwegtheiten und so ein vages Gef?ºhl einer ‚ÄûSacre‚Äú-Mottoparty besprochene erste beide Werke des Abends.
Dann kam Rihm.
Um die ?úberschrift dieses Eintrags zu explizieren, hole ich etwas aus. Johann Strau?ü minor n?§mlich walzte 1868 jenes sein Opus 325, kurzum seine zigste Orchestergelegenheit, ?ºber den Wienerwald. Dann tondichtete sein Namensvetter zweiten Grades, Richard Strauss, deutschnationaler Orchestermassierer und belegter Ma?üen Vertreter unentarteter Musik, 30 Jahre sp?§ter mit Wumms das (respektive sein) ‚ÄûHeldenleben‚Äú op. 40. Hier also kommt der Karlsruher Repr?§sentationskomponist Wolfgang Rihm (56) ins Spiel. In seiner Person vereinen sich die hohen Opuszahlen (und zeitgew??hnliche Werktitelierungen) Strau?üscher, und der ?ºberbordende, pathetische und krachige Charakter Straussscher Orchesterwerke, abget??nt durch eben jenes Ma?ü von Feierton und Langatmigkeit, das wie Richard Straussens o.g. Tonepos autobiografischen Gehalt herauszulesen zwingt.
Rihm ist als traditionaler Komponist nur zu begreifen.
Aber in medias res. IN-SCHRIFT (1995) von Rihm beginnt laut. ‚ÄûWie immer‚Äú, konstatiert entnervt ein Nebenmann und erfindet spontan, in Anlehnung an den Fachbegriff f?ºr einen speziellen, sehr lauten Trommelschlag, die Pseudovokabel ‚ÄûRihm-Shot‚Äú. So sehr ich Rihms gelegentlichen polyphonesken Zerfaserungen lieb habe, so wenig kann ich mit den Dauern und zeitlichen Entfaltungen seiner Werke Freundschaft schlie?üen. Und unabh?§ngig von Fragen der Zeit ist da bei Wolfgang Rihm auch mal wieder jener Punkt, bei dem auch in Sachen Gestus der Allumarmung keiner mehr wei?ü, was das soll. Das Orchester gl?ºht und treibt in Blocks?§tzen an. Im ‚ÄûHerr der Ringe‚Äú-Film k?§men solche Musiken, um zu illustrieren, dass es an den Fronten brennt und Heeresmassen auszuheben sind, oder wenn die gefallenen Eigenen betrauert werden. Und so denke ich, als zum N??rgeln erzogener Geschichtsp?§dagoge, dann unabwendbar im Laufe des St?ºcks, pl??tzlich schiene Vergangenheit wieder unbew?§ltigt.
Schon w?§hrend des Konzerts ahne ich jedenfalls, was meine amerikanischen Kommilitonen (in diesen Dingen geradezu barometrischer Kompetenz gesegnet) denken werden. Ich w?ºrde Recht behalten. Die Kalifornier aus dem Westen scheinen zur Zeit n?§mlich in grunds?§tzlichem Widerspruch zu Musikauffassungen der Hyperurbanisten aus New York im Osten zu stehen. Kurzum: Den Menschen aus Brooklyn gefiel das Konzert; die jungen Kalifornier hingegen waren anschlie?üend am Ende ihrer Nerven.
Kurios.
So polarisierten die gespielten Werke. Angeblich buhten einmal auch Dozenten. Bei ihrer Juryarbeit, kolportieren Kommilitonen deren Unmut, w?ºrden sie gegen?ºber den Studentenleistungen so sehr zu Strenge angehalten. Warum also unkritische Solidarit?§t ?ºben, warum clementia collegae.
Bei den Preisverleihungen schlie?ülich kocht die Stimmung ?ºber. 191 Komponisten sind vor Ort, und Viele rechnen sich Chancen aus. Bei nur acht zu vergebenden F??rderstipendien und drei Kranichsteiner Musikpreisen ist mit Kompromissen zu rechnen und hitzige Atomsph?§re vorprogrammiert. Am Ende gibt es viel gro?üen Jubel, zugleich viel Unmut und Unverst?§ndnis. Einigen Kommilitonen ist nach der Veranstaltung zum Feiern keineswegs zu Mute; im Weblog der nmz.de kennt die Zerknirschtheit keine Grenzen mehr.
Das Abschlusskonzert war harmlos. Ob des Bierausschanks aber voll befriedigend.
Und ‚ÄûDarmstadt‚Äú war trotz aller M?§kelei ein gro?üer Spa?ü.


Er ist offenbar wieder angekommen: Brian Ferneyhough, der Mann, der zu den studentischen Eigenpr?§sentationen des ‚ÄûYoung Composers Forum‚Äú
Bilden Sie ein Werkkonzept aus den W??rtern: Parabolspiegel, Toscanini, Amme, Beethoven, Steinbruch, Agent, Coriolan, (Walter) Benjamin. Mit dieser lustigen Begriffsverkettung konnte Anfang der Woche noch Robin Hoffmann die Entstehung seiner Orchesterkomposition ‚ÄûSchorf‚Äú erkl?§ren. Diese n?§mlich beginnt mit einem langen Ton c (respektive C) in allen Streichern und ‚Äì Peng! ‚Äì Akkord! Durchatmen, Pause, und noch einmal: … C, und ‚Äì Zack! ‚Äì Akkord! … Das ist aber eben nicht Hoffmann, sondern eins zu eins ein klassischer Orchester-Opener vom Ludwig van. Und warum Zitate? Gute Frage (sage ich). Sie helfen ihm (sagt er), ?ºber seine Musik zu sprechen. Dann hat Robin Hoffmann dazu noch ein Benjamin-Zitat auf Tasche, eines mit R?§ubern und eigener ?úberzeugung, das nicht so richtig verstanden wird, und von dem Hoffmann auch nicht ganz wei?ü, wo er es gelesen hat.
Nach einem durchwachsenen Dozentenkonzert in der Orangerie am Dienstag (Klaus Lang: ‚Äûdrei fl?ºchtige ber?ºhrungen‚Äú f?ºr Blockfl??te und Koto. ?Ñu?üerst fl?ºchtige, muss ich sagen) folgte in Darmstadt gestern der bikonzertale Mittwoch: Zun?§chst um 17 Uhr musizierte das Ensemble ascolta Werke der Darmstadt-Preistr?§ger von 2006, die bei den Zuh??rern bald Ausbuhgef?ºhle evozierte, bald Schl?§frigkeit ausl??ste, bald Applaus verhinderte. Den Antih??hepunkt steuerte Nikolaus Brass bei mit ‚Äûabgewandt‚Äú f?ºr Kammerensemble, da gongte, trommelte und tamtamte es gewaltig im ‚ÄûEntrada‚Äú getitelten Anfangsabschnitt, den er gleichsam mit Pauken und Trompeten gestaltete, wie subtil und geschmackvoll, Herr Brass.
