Montag, 21. Juli 2008

Geschichten aus dem Teutoburger Wald


Darmstadt est fini. Nach mehr als zwei Wochen schlafdefizitärer und erregter Ferienkurse schloss am Samstag 19. Juli 2008 die hessische Studienmassenveranstaltung mit einem Konzert des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg unter der Leitung Johannes Kalitzkes. Drei gewaltig besetzte Werke (Vykintas Baltakas, *1972: Poussla. Misato Mochizuki, *1969: Homeobox. Wolfgang Rihm, sakrosankt: IN-SCHRIFT) erfüllten großklangig die vom Sonnenuntergang ins Rosarot getauchte Sporthalle am Böllenfalltor. Den drei Stücken folgte eine kurze Pause, um den Abend mit der Verleihung zahlloser Förder- und Musikpreise an eine kleine Zahl würdig gedünkter Studierender abzuschließen.

Der erste Teil, das Konzert, ließ wundern. Baltakas zwar fasste das Orchester recht zart an, evozierte mit seiner unattraktiven Blockhaftigkeit und dem unausgelasteten obligaten Soloensemble beim Hörer Gleichmütigkeit, und irritierte vollends, als große Gesten und Klänge Wagners zu tönen schienen. Unzufriedenheit. Reizvoll instrumentiert und ausgehört wusste Mochizuki zwar Spaß zu machen, ließ die Sache aber durch Motorität und einige alberne Passagen erlahmen. So kennzeichneten rhythmische binäre Unentwegtheiten und so ein vages Gefühl einer „Sacre“-Mottoparty besprochene erste beide Werke des Abends.

Dann kam Rihm.

Um die Überschrift dieses Eintrags zu explizieren, hole ich etwas aus. Johann Strauß minor nämlich walzte 1868 jenes sein Opus 325, kurzum seine zigste Orchestergelegenheit, über den Wienerwald. Dann tondichtete sein Namensvetter zweiten Grades, Richard Strauss, deutschnationaler Orchestermassierer und belegter Maßen Vertreter unentarteter Musik, 30 Jahre später mit Wumms das (respektive sein) „Heldenleben“ op. 40. Hier also kommt der Karlsruher Repräsentationskomponist Wolfgang Rihm (56) ins Spiel. In seiner Person vereinen sich die hohen Opuszahlen (und zeitgewöhnliche Werktitelierungen) Straußscher, und der überbordende, pathetische und krachige Charakter Straussscher Orchesterwerke, abgetönt durch eben jenes Maß von Feierton und Langatmigkeit, das wie Richard Straussens o.g. Tonepos autobiografischen Gehalt herauszulesen zwingt.

Rihm ist als traditionaler Komponist nur zu begreifen.

Aber in medias res. IN-SCHRIFT (1995) von Rihm beginnt laut. „Wie immer“, konstatiert entnervt ein Nebenmann und erfindet spontan, in Anlehnung an den Fachbegriff für einen speziellen, sehr lauten Trommelschlag, die Pseudovokabel „Rihm-Shot“. So sehr ich Rihms gelegentlichen polyphonesken Zerfaserungen lieb habe, so wenig kann ich mit den Dauern und zeitlichen Entfaltungen seiner Werke Freundschaft schließen. Und unabhängig von Fragen der Zeit ist da bei Wolfgang Rihm auch mal wieder jener Punkt, bei dem auch in Sachen Gestus der Allumarmung keiner mehr weiß, was das soll. Das Orchester glüht und treibt in Blocksätzen an. Im „Herr der Ringe“-Film kämen solche Musiken, um zu illustrieren, dass es an den Fronten brennt und Heeresmassen auszuheben sind, oder wenn die gefallenen Eigenen betrauert werden. Und so denke ich, als zum Nörgeln erzogener Geschichtspädagoge, dann unabwendbar im Laufe des Stücks, plötzlich schiene Vergangenheit wieder unbewältigt.

Schon während des Konzerts ahne ich jedenfalls, was meine amerikanischen Kommilitonen (in diesen Dingen geradezu barometrischer Kompetenz gesegnet) denken werden. Ich würde Recht behalten. Die Kalifornier aus dem Westen scheinen zur Zeit nämlich in grundsätzlichem Widerspruch zu Musikauffassungen der Hyperurbanisten aus New York im Osten zu stehen. Kurzum: Den Menschen aus Brooklyn gefiel das Konzert; die jungen Kalifornier hingegen waren anschließend am Ende ihrer Nerven.

Kurios.

So polarisierten die gespielten Werke. Angeblich buhten einmal auch Dozenten. Bei ihrer Juryarbeit, kolportieren Kommilitonen deren Unmut, würden sie gegenüber den Studentenleistungen so sehr zu Strenge angehalten. Warum also unkritische Solidarität üben, warum clementia collegae.

Bei den Preisverleihungen schließlich kocht die Stimmung über. 191 Komponisten sind vor Ort, und Viele rechnen sich Chancen aus. Bei nur acht zu vergebenden Förderstipendien und drei Kranichsteiner Musikpreisen ist mit Kompromissen zu rechnen und hitzige Atomsphäre vorprogrammiert. Am Ende gibt es viel großen Jubel, zugleich viel Unmut und Unverständnis. Einigen Kommilitonen ist nach der Veranstaltung zum Feiern keineswegs zu Mute; im Weblog der nmz.de kennt die Zerknirschtheit keine Grenzen mehr.

Das Abschlusskonzert war harmlos. Ob des Bierausschanks aber voll befriedigend.
Und „Darmstadt“ war trotz aller Mäkelei ein großer Spaß.

Freitag, 18. Juli 2008

Ewig, das ist ewig. – Das sieht er ein.

Es ist 9.30 Uhr. Keine Komponistenuhrzeit. Keine Flötistenuhrzeit außerdem, nehme ich an. Aber die Studiokonzerte haben begonnen, und denen schlägt keine Stunde. Verbreitete Gattung dieses Jahr: Geister- und Beschwörungsmusik. Stimmungsvolle Längen, stimmungsvolle Pausen, rituell aufgeladene Klänge und Gesten. Uff. Was gestern um 17 Uhr in dieser Art begann, setzt sich heute um halb zehn fort. Eben schepperten sich Erik Jansons „Serzierte Nymphen“ (Flöte, Cello, Klavier) durch den frühen Morgen, dann verbreitete Ji Young Kang Tempelstimmung mit ostinaten heiltherapeutischen Trommelschlägen und nennt das den „Gesang der Ewigkeit“.

Klaus Huber steht den jungen Kollegen in Sachen großzügige Zeitbegrifflichkeit in nichts nach. Programmatisch titelte er 1972 „Ein Hauch von Unzeit“, das in einer Fassung für Kontrabass so gekonnt wie geduldig interpretiert wird. So sieht sich der fleißig alles Besuchende heute mit einem Tagesplan konfrontiert, der sukzessive Konzertereignisse zu folgenden Terminen vorsieht: 9.30, 10.30, 11.30, 14.00, 15.00, 16.00, 17.00 und 20.30 Uhr. Ein herrliches Überangebot, dem man sich leider selektiv entziehen muss, will man an den besuchten Aufführungen noch aufmerksame Freude haben. Highlight heute abend: Ensemble modern bringt Ferneyhough, Rihm und Tsangaris.

Donnerstag, 17. Juli 2008

“And He shall purify”

Die Tage zogen ins Land und hier im Onlinetagebüchlein war nichts Neues zu lesen. Darmstadt vorbei? Weit gefehlt. Im Gegenteil, die Konzertfrequenz nahm sogar zu. Allein, ob die Lectures sich veränderten, vermag ich mangels regelmäßiger Teilnahme nicht qualifiziert zu beantworten. Alsdann, versuchen wir, die vergangene Zeit in Ausschnitten zu rekapitulieren.

Montag, 14. Juli, Sporthalle am Böllenfalltor. Ein Ort, dem erst kürzlich bei einem Konzertereignis mit dem Ensemble ascolta nicht von sich Reden zu machen gelang. Am Montag schließlich programmierte der Festivalplan ein „Schlagzeug Konzert“. Mal mehr, mal weniger Schlagwerker spielten drei, mal mehr, mal weniger laute, Werke. Eine australische Komponistin ließ sage und schreibe 12 (in Worten: zwölf) Schlagwerker divers tirilieren und tremolieren, das gab ein großes Hallo. Schließlich meditierte noch Wolfgang Rihm mit dem Lautstärkepegel eines startenden Düsenflugzeugs über das Thema „Kreuz“, zärtlich im Fortissimo liebkosen ließ er sein Sextett u.a. sechs Große Trommeln, über die schon Walter Piston, der personalunione Delling und Netzer in Sachen Orchestration, wusste: Wenn die Große Trommel nur ordentlich knallt, spielt es keine Rolle mehr, welcher Akkord im Sinfonieorchester erklingt (Piston lebte in einer Zeit und in einem Land von Moll und Dur. Heute spielt ohnehin oft keine Rolle mehr, welcher Akkord im Sinfonieorchester erklingt).

Tags drauf, am Dienstag, den 15. Juli, irritierte beim Dozentenkonzert II um 17 Uhr in der Orangerie Herr Jermias Schwarzer, Blockflöten-Dozent bei den Ferienkursen, mit einer paradoxen Bewertung der Ergebnisse vom Kompositionswettbewerb „modern recorder project“: 50 „high quality“ Kompositionen seien eingereicht worden, lobte er; anschließend zeichnete er aber nur eine einzige davon mit Preis aus – und zwar mit einem zweiten. High quality Blockflötenensemble im Anschluss.

Mittwoch, 16. Juli, Turnhalle um 14 Uhr. Brian Ferneyhough und Wolfgang Rihm lassen sich ein auf das vorgegebene Diskussionsthema: „Komposition unterrichtet?“ Ein außerordentlich versöhnliches Aufeinandertreffen zweier „Dinosaurier“ (Manos Tsangaris) findet statt. „Speaking of Freiburg“, hebt Ferneyhough an, und beginnt zu berichten von einem legendären Ort und seiner Unberührbarkeit, weiß aus alten Zeiten über „Klaus Hubers organisatorische Fähigkeiten“ zu sagen, dass jene „nicht besonders ausgeprägt waren“. Man schwelgt gemeinsam von „der Mystik des leeren Blattes“, Zwist ist nicht in Sicht. Ferneyhough legt den Studierenden nahe, über „die richtigen Mittel … für eine bestimmte Situation“ zu reflektieren, Rihm vergleicht seine Unterrichtsarbeit bildhaft mit der Unkrautzupferei eines Gärtners (was, mit Verlaub, an die NS-affine „junge Bäume muss man anbinden“-Pädagogik aus dem Durchhaltemovie „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann erinnert). Rihm rät an: „Reinige das, was du hier hast, von allem Zierrat. Das ist vielleicht etwas ärmer, aber es ist Deines.“

Donnerstag, 17 Juli um 14 Uhr, wird in der Turnhalle der Lichtenbergschule seitens einiger Teilnehmer der Ruf nach mehr „community“ und nach „alle zusammen“ laut. Die Debatte „musicians discuss Darmstadt“ verliert nicht erst an Präzision, als sie ans Plenum weitergegeben wird. Ein Kommilitone fordert Zusammenarbeit mit Kindergärten, ein anderer bringt die Vokabel „Bringschuld“ ins Spiel, ein italienischer Komponist beklagt die Einsparungen im Kultursektor seines Heimatlandes, plötzlich holt ein Musikwissenschaftler weit aus und spricht von der Illusion des postmodernen Pluralismus und möchte die Zweite Moderne in Darmstadt diskutiert sehen. Kurz äußert sich noch, ohne bemerkenswert zur Kenntnis genommen zu werden, eine vor wenigen Tagen bei der Vergabe des Staubach-Preises nicht Bedachte, und ein Studierender wundert sich über das Motto der Veranstaltung, er selber habe, au contraire den marxösen Discuss-Darmstadt-Thesen, mit seiner Individualität nämlich kein Problem. Aber auch darüber kann nicht weiter gesprochen werden, die 60 Minuten sind vorbei. … Die Diskussion darf als krepiert gelten und wird ohne Zweifel in die Annalen der Ferienkurse nicht eingehen

Selber Tag, 15 Uhr, immer wieder gerne Wolfgang Rihm im Gespräch, heute: „Gejagte Form(en) in der Musik“. Wer sich nicht am gewissen didaktischen und väterlichen Habitus Rihms Rede stört, darf sich über Anekdoten und heitere Äußerungen freuen. In seinem Werk sei, keine Neuigkeit, „alles instinktgeleitet“ und Adorno sei ihm bekannt geworden als „ein kleiner, rundlicher Mann“. Aha, aha. Schließlich richtet er sich, in Rekurs auf das etwas wundersam-kollektivierende Studentenzusammenkommen um 14 Uhr, an die Teilnehmerschaft und erklärt im großen Duktus eines Jugendpfarrers von der Zeit, als er selber Student in Darmstadt gewesen sei, nur 18 Jahre alt, und dass es ihm damals ging, „so wie es vielen von euch geht. Allein gelassen, hilflos. Aber das ist vielleicht mein Kraftmoment … Da kann man auch Kraft draus ziehen, dass man eben anders ist.“ Noch eine Frage, noch eine, noch eine, danke, danke, Dank auch dem Dolmetscher, Zeit vorbei.

Sonntag, 13. Juli 2008

St. Ferneyhough

Das Arditti-Quartett in der Orangerie Darmstadt, 12. Juli 2008.Er ist offenbar wieder angekommen: Brian Ferneyhough, der Mann, der zu den studentischen Eigenpräsentationen des „Young Composers Forum“ in der Manier eines „IM Gregor“ zu stoßen pflegt, nämlich etwas verspätet und sich dramatisch aus dem Dunkel der unprätentiösen Turnhalle der Lichtenbergschule lösend, ist für die 191zählige Kompositionsstudierendenschar eine feste Größe und Autorität. Kein Kompositionsdozent ist für Unterrichte gefragter als der vergangenen Jahres generös mit 200.000 Euro gekürte Siemenspreisträger, keines der bisherigen Konzerte beklatschter als seine famosen gestrigen in der Orangerie mit den Ardittis um 17 Uhr (Sonatas for String Quartet von 1967) und um 20.30 Uhr (Streichquartette zwei bis fünf).

Nichts mehr ist zu merken von den Darmstädter Anekdoten des Aufbegehrens, wie man sie als Student im 21. Jahrhundert nur noch aus der Musikgeschichtevorlesung kennt. Keine „FerneyHOUGH ab!“-Tafelanschriebe, und auch ist allhier in den Konzerten nichts mehr zu hören von den einstigen gräflichen Attentätern.

Grandios musizierten schließlich Lukas Fels, Ralf Ehlers, Ashot Sarkissjan und Irvine Arditti als das gleichnamige Streichquartett die ferneyhoughschen selbigen, nicht weniger souverän sang außerdem Claron McFadden (Sopran) im vierten Quartett. Ein einzigartiges Erlebnis, das die leidige Frage, ob die legendär rasant komplizierten Girlanden und Rhythmen akkurat umgesetzt wurden, obsolet werden ließ. Der relaxte, virtuosische und völlig mühelose Gestus der Ardittis erhielt im Programmheft seine schwarz auf weiße Erklärung: „Drittes Streichquartett – 99. Aufführung durch das Arditti-Quartett“.

Und nein, etwas anderes als völlige Souveränität lässt sich Irvini Arditti auch nicht anmerken. Zigarillos vor und nach dem Konzert und dazwischen. Und dann seine Sprüche. Als Ashot Sarkissjan, Jahrgang 1977, wegen der großen Notendrucke des fünften Streichquartetts für einen zusätzlichen Notenständer aufzustehen genötigt ist, äußert Irvine seine Befürchtung, Sarkissjan wollte wohl keinen Ferneyhough mehr spielen. Als das überformatige Notenpapier nicht so recht auf die Ablage passen will, kommentiert er das jüngste Streichquartett Ferneyhoughs als „not very long, but very wide“.

Und schließlich danke er „Solf“, also Solf Schaefer, der Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, setzt er kurz vor Konzertbeginn an, dass sie den Darmstädter Ferienkursen diesen Abend einen kleinen Beitrag „of light entertainment“ beisteuern dürften. Sie erwarteten allerdings für die kommenden Ferienkurse 2010 Ferneyhoughs sechstes Streichquartett: in Hoffnung auf eine „real challenge“.

Sonntag, 13. Juli 2008

„Wie Räuber am Wegesrand“

Bilden Sie ein Werkkonzept aus den Wörtern: Parabolspiegel, Toscanini, Amme, Beethoven, Steinbruch, Agent, Coriolan, (Walter) Benjamin. Mit dieser lustigen Begriffsverkettung konnte Anfang der Woche noch Robin Hoffmann die Entstehung seiner Orchesterkomposition „Schorf“ erklären. Diese nämlich beginnt mit einem langen Ton c (respektive C) in allen Streichern und – Peng! – Akkord! Durchatmen, Pause, und noch einmal: … C, und – Zack! – Akkord! … Das ist aber eben nicht Hoffmann, sondern eins zu eins ein klassischer Orchester-Opener vom Ludwig van. Und warum Zitate? Gute Frage (sage ich). Sie helfen ihm (sagt er), über seine Musik zu sprechen. Dann hat Robin Hoffmann dazu noch ein Benjamin-Zitat auf Tasche, eines mit Räubern und eigener Überzeugung, das nicht so richtig verstanden wird, und von dem Hoffmann auch nicht ganz weiß, wo er es gelesen hat.

So eine Veranstaltung heißt Lecture. Eine Lecture bei den Ferienkursen erinnert in Ablauf und Attraktivität oftmals an Studentenreferate am Historischen Institut der Uni Leipzig, sie dauert zwischen 45 und 90 Minuten, denen sich im Regelfalle zwei bis drei passioniert-leidenschaftslose Fragen anschließen.

Da holte Brian Ferneyhough gestern früh, am Freitag um 9.30 Uhr im Basislager Turnhalle, deutlich weiter aus. 90 Minuten?.. „Noch Fragen?“ hieß es da erst nach zweieinviertel Stunden Vortrags. Noch Fragen? Eine. Plus die obligatorische Äußerung seitens der Moderation. Das könnte daran liegen, dass Ferneyhough in diesem Marathon mehr Gedanken ins Spiel zu bringen wusste, als der durchschnittlich schlafentzogene Student von dem harmlosen Vormittag wahrscheinlich erwartet hatte.

Er spricht über Bruckner, Motetten, Salome von Richard Strauss, und Jean Sibelius. Dann räumt er Mitverantwortung ein für die wackelige Uraufführung seines Orchesterwerks „Plötzlichkeit“ bei den Festtagen für Neue Musik in Donaueschingen 2006. Zwar sei da ein „change of the conductor“ und „many other things“ gewesen. Aber auch der „late delivery“ des Aufführungsmaterials seinerseits. Er spricht über das Gitarrenkonzert in seiner Oper „Shadowtime“ („What does it do in an opera? It depends on what you think an opera is“) und seine Verwirrung („Oh dear!“), als ein Hörer ihm damals sagte, nach der zweiten Aufführung hätte jener im Bühnenwerk einen Formzusammenhang erkannt (wo er doch so bemüht gewesen sei, „to destroy the concept“). Dann rät er noch jungen Komponisten zum Rückwärts komponieren und zu Amnesie.

Ferneyhough ist ein Kuriosum. Sein Vokabular – Ferneyhough referiert auf Englisch – ist beeindruckend, es ist die Rede vom „double ground“, „faked time“ und „confused multiplicities“. Zugleich scheint er (lange lebte er schließlich in Deutschland) ohne deutsche Begrifflichkeit nicht auszukommen, und so ist sein Fließtext gespickt mit „Blicken“, „Umfeld“, „Schadenfreude“, „Deutung“, „Frömmigkeit“, „Erhabenheit“. Und – selbstverständlich – „Plötzlichkeit“.

Ein wunderbarer Tagesabschluss gestern das Konzert mit Werken Marco Stroppas in der Orangerie: „Hommage à György K.“ (2003-2004) für Klarinette, Viola und Klavier (ebenso zart und prägnant, wie auch zeitgemäß komponiert; vorzüglich interpretiert von Ernesto Molinari, Pi-Hsien Chen und Barbara Maurer) und „Spirali“ (1987-1988) für Streichquartett und Elektronik (fraglos überzeugend dargeboten vom Arditti Quartett).

Ardittis auch wieder heute: „Sonatas for String Quartet“ von 1967 nachmittags um fünf, die Streichquartette 2-5 in einer halben Stunde.

Donnerstag, 10. Juli 2008

Immer an der Wand lang

Darmstadt-Ferienkurse-Flur 2008Nach einem durchwachsenen Dozentenkonzert in der Orangerie am Dienstag (Klaus Lang: „drei flüchtige berührungen“ für Blockflöte und Koto. Äußerst flüchtige, muss ich sagen) folgte in Darmstadt gestern der bikonzertale Mittwoch: Zunächst um 17 Uhr musizierte das Ensemble ascolta Werke der Darmstadt-Preisträger von 2006, die bei den Zuhörern bald Ausbuhgefühle evozierte, bald Schläfrigkeit auslöste, bald Applaus verhinderte. Den Antihöhepunkt steuerte Nikolaus Brass bei mit „abgewandt“ für Kammerensemble, da gongte, trommelte und tamtamte es gewaltig im „Entrada“ getitelten Anfangsabschnitt, den er gleichsam mit Pauken und Trompeten gestaltete, wie subtil und geschmackvoll, Herr Brass.

Um 20.30 Uhr, wieder in der Orangerie, war Kurtág-Themenabend angesagt: Seine Kafka-Fragmente op. 24 (d.h. das erste Stück bis zur Pause) dauerten für sich schon 90 Minuten. Das Werk spaltete die Zuhörerschaft: Einerseits war der Saal gerammelt gefüllt, wie sonst nie; andererseits verloren nicht Wenige ihre Nerven während dieser langwierigen Komposition für Violine und Sopran. Zwar boten die Solisten grandiose Leistungen, doch dem György Kurtág ist das Plakative heilige Pflicht, und so präsentierten sich die Lieder als Aneinanderreihung der denkbar illustrativsten Textauslegungen. Das Ensemble interpretierte das Ihre im zweiten Teil recht heiter und theatralisch, und der Freude im Auditorium tat nichts keinen Abbruch: Größter Applaus seit Eröffnung der Ferienkurse!

Ist das nicht kurios? So sehr an den Texten klebend, so konservativ, so akademisch angestaubt empfunden: Warum wird da gejohlt und so gewaltig geklatscht?

Krise in Darmstadt?

Vieles deutet darauf hin. Nicht zuletzt Brian Ferneyhough, modernistisches Urgestein aus GB/Freiburg/USA, vermied heute zu einschlägigen Studentenfragen diese sich ausprägende Problematik bereffend klare Antwort.

Man wird ein Auge werfen müssen auf das, was am Ende bleibt, was die Ferienkurse 2008 in den kommenden Tagen noch auszeichnen wird: Die Studiokonzerte (Werkstattaufführungen zahlreicher neuster Studentenwerke, von einer Dozentenjury programmiert) am 17. Juli ff., wie auch die Verleihung der Förder- oder Anerkennungsauszeichnungen Staubach- und Kranichsteiner Preis. Schließlich kommt den Ferienkursen keine geringe Bedeutung zu, die traditionale Besetzung ist massiv, die internationale Wahrnehmung – ganz offensichtlich – nicht gering.

Was wird eine Rolle spielen, welche Personen geraten in den Vordergrund, welche Gedanklichkeit wird dann par ordre de mufti rittergeschlagen?

Dienstag, 8. Juli 2008

Armin Köhler vs. Manos Tsangaris

Darmstadt, 14 Uhr: Zeit für die nächste Plauderrunde „Open Space“. Zur letzten Ausgabe derselben Reihe vor zwei Tage mäanderten sich Klaus Lang und Manos Tsangaris fortwährend durch die Fragestellung „Wer macht die Musik?“, übrigens stets bilingual brillant vermittelt durch den Dolmetscher, der im ganzen Programmheft nicht ein einziges Mal namentlich erwähnt wird, obwohl er in jeder Lecture, jedem Vortrag und jeder Diskussion doch der verbal, bisweilen auch geistig, regsamste Teilnehmer sein dürfte.

Wer also macht die Musik? Klaus Lang konstatiert in der Branche eine „Vermittelalterlichung“: Konzertveranstalter und Kuratoren agierten mit kuriosen Zusammenstellungen, Mottogebungen und thematischen Vorgaben wie im Mittelalter der Kunststifter oder der rege Kunstwerke bestellende Klerus. Der Künstler als Handwerker im Dienste der Theologen damals respektive des Festivalbetriebs heute. Soweit diese Grundannahme. Manos Tsangaris ergänzt einen Erklärungsversuch mit der Suche nach historischer Parallelität: „Seit Kinder erstmals mit verrußtem Gesicht aus den Gruben stiegen“, also zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge der einsetzenden Industrialisierung, entwickelte sich in der Kunst und in der Musik das idyllische Naturbild. Nun die Analogie zur Neuen Musik: Seit die Musik „zu verschwinden droht“, nehme der konzeptuelle Gedanke bei der Konzertorganisation zu, griffen die Auftraggeber und Intendanten in die Entstehungsbedingungen von Kompositionen substantiell ein. Zuspitzend vergleicht Tsangaris schließlich die Konzertveranstalter mit DJs, die hier bestellen, dort bestellen, beliebig mischen.

Festivalkuratoren als DJs? Da steht ein Herr einige Plätze links von mir auf: Armin Köhler, Intendant der Festtage zu Donaueschingen: „Ihr doch auch!“ Ihr, die Komponisten, meint er. – Manos Tsangaris interessiert das wenig, verkreuzt die Arme und murmelt etwas vor sich hin. Überhaupt erscheint er als eine souveräne, strahlende, sonor artikulierende und lebhaft schauspielende Gestalt (Klaus Lang bleibt hingegen in Erinnerung durch dessen häufigen Verweise auf die „Abhängigkeit“ der Komponisten).

Ansonsten wird man sich einigen, dass heutzutage – Postmoderne, ohee! – das Individuum am meisten bedeute, wir seien doch alle „Individualkönige“, sagt Tsangaris, wo bliebe denn heute das Politisieren (Arno Lücker dazu in der nmz online), früher, da war die Jugend kritisch. Diese Generation habe auch heute, dreißig, vierzig Jahre später noch „Adorno im Blut, als Doping. Das hat so einen hormonellen Aspekt.“

Nun denn. Zu tun habe man es heute mit einer „historisch schlaffen Situation“, „die Biografie ist, was heute am meisten zählt“. Und bissig erfindet er ein typisches autobiografisches Statement: „Meine Eltern waren beide taub, ich bin im Keller aufgewachsen, mit 21 war ich ein genialischer Komponist und habe mein erstes Orchesterstück geschrieben.“ Jeder ahnt, wer gemeint ist.

Armin Köhler interessiert das wenig, verkreuzt die Arme und murmelt etwas vor sich hin.

Montag, 7. Juli 2008

Tsangaris über Tsangaris

Darmstadt, 9.30 – 11.30. „MDR Artour“, latentkulturelle Fernsehsendung respektive televisionäres „mdr Figaro“-Radio-Äquivalent, berichtete kürzlich: Mitarbeit einer Leipziger Arbeitsagentur-Filiale sangen Arbeiterlieder Hanns Eislers für ihre Klienten, ähm, also Arbeitssuchende. Musik und Alltag? Welchen Zusammenhang hat das?

Manos Tsangaris, heiterer Komponist, sucht für eigene Werke ähnlich unorthodoxe Lokationen, aber begründet das so: Aus Musikereignissen an Plätzen wie dem Turm des Kölner Doms oder dem großen U-Bahnhof in Bielefeld (am Stadion der Arminia) ergebe sich keine Verbindung mit Alltagsorten, als dass vielmehr eine neue Distanz zum alltäglichen Umfeld, eine physiologische Abgrenzung erwüchse. Deutlich macht das Manos Tsangaris in dieser Lecture um halb zehn per DVD (mit der er noch gestern Nacht zwecks ihrer Laufbarmachung badete, „that’s not a smart thing to do“, O-Ton Dolmetscher) anhand seines Musiktheaters „Orpheus – Zwischenspiele“, aufgeführt in besagtem Bielefelder Bahnhof. Darin fährt in zwei Bielefelder U-Bahnen auch das Publikum in die Unterwelt, Dionysos, mit Bart und Frauenbrüsten, sitzt dabei in Proletenpose auf den Rücksitzen. Und „Sisyphos auf der Rolltreppe, klar“ (Tsangaris).

Erste wertende Einschätzung des Komponisten selbst: „Das ist sehr primitiv gemacht. Aber wie Sie sehen: es klappt!“

Sonntag, 6. Juli 2008

Bitte in Fahrtrichtung rechts aussteigen. Der Zug endet hier

Endlich: Darmstadt! Einige Verspätungen, einige verpasste Anschlüsse und eine Großstörung des S-Bahn-Verkehrs in Frankfurt Main. Aber trotzdem angekommen! Das Eröffnungskonzert prunkte mit Grüßen des Bürgermeisters und des hessischen Ministeriums, schließlich folgten drei Uraufführungen (Robin Hoffmann, James Clarke, Isabel Mundry) und “Joachaeis” (1977) vom 2002 verstorbenen Iannis Xenakis (Kommentar Solf Schaefer heute früh: Xenakis sei mit der gestrigen Interpretation äußerst zufrieden gewesen). 10 Minuten verspätet trafen wir im Theater ein. Müdigkeit und Hoffmann strapazierten meine schwachen abendlichen Kapazitäten. Aber als Zuspätkommer war ich immerhin mit einem prominenten Sitzplatz in Reihe 1 an der Seite György Kurtágs samt Begleitung geehrt.

Weiter geht’s in der “school sport hall”. Sehr bundesrepublikanisch, hier alles.

Freitag, 4. Juli 2008

Ferienkurse in Darmstadt 2008

Es geht los: Ferienkursbesuch im Hessischen. Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt begleite ich per MacBook im Blog. Warten wir’s ab. Auch online mittendrin: Arno Lücker für nmz.de.

Donnerstag, 3. Juli 2008

Kultur mit Katharina Wagner

Katharina Wagner, Figur des öffentlichen Lebens und Trägerin des selben Nachnamens wie Opernkomponist Richard (1813-83), plant im „KulturSpiegel“ ihren Monat Juli. Ihre Veranstaltungstipps: Das Open-Air-Picknick der Nürnberger Philharmoniker im Luitpold Hain („‚Woodstock’ der klassischen Musik“, O-Ton der Veranstalter, hüstel) sowie Ballett im Park, „Dornröschen“, in Stuttgart.

Sonst genieße sie, wenn sie mal nicht Dornröschen erlebt oder sonst bei Konzertsaisonabschlüssen zum Arien-Best-Of auf Bierbänken klatscht und schunkelt, Shakira („finde ich richtig erotisch“) oder Rammstein („Texte, Videos – alles Kunst“).

Ihre heißeste Empfehlung allerdings für den Juli: Madame Tussauds’ neue Filiale in Berlin. Das Wachfigurenkabinett (volles Programm: Hitler, Honecker, Kohl, Einstein mit wüster Frisur usw.) öffnet dieser Tage, und allzu gerne wollte Frau Wagner dorthin. „Die Figuren haben mich schon in London unglaublich beeindruckt. Die sehen wahnsinnig echt aus!“ Das sind mal Kriterien! „Auch, wenn ich da persönlich nicht unbedingt ausgestellt werden möchte.“ Die Gefahr, Frau Wagner, besteht sicher nicht.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Wurzel aus 549633

Die FAZ vom Tage stellt die Leipziger Weltmeisterschaften im Kopfrechnen, die im Rahmen des fulminanten Wissenschaftssommers stattfinden, prominent auf Seite 1. Darunter auch das von Mathematikommilitonen viel gerühmte so genannte Beutelspacher Sofa, oder heutige Veranstaltungen zum Thema Mathematik an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig (15.00 – 18.00 Uhr „Workshop zum Thema Musik & Mathematik“, 19.30 – 21.00 Uhr „Konzert mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts“).

„Der Spiegel“ von vorgestern hingegen lässt allerlei Herren in der Leserbriefspalte zu Wort kommen zum vorhergehenden Titelthema, das da lautete: „Fünfzig Jahre Emanzipation. Was vom Mann noch übrig ist“. Vor leerer Wand abgelichtet war da fürs Titelbild 26/2008 da ein nackter Adonis, ein blonder Arier, schamig die Hände über den Schritt formend, als bestünde Gefahr, „die Frau“ könnte ihm die testes abbeißen. So unsäglich sie ist, die Fragestellung, so sehr impliziert sie die Antwort: Nicht mehr viel ist übrig vom Mann. War aber vielleicht auch noch nie viel da, zumal in Deutschland. So werden in den Leserbriefen Pflichten eingefordert für die Frauen: Musterung und Wehrdienst für Sie (wo doch schon Er kaum mehr eingezogen wird). Hieße umgekehrt aber, den Herren Soundso aus Bayern aufzufordern, sich eine Gebärmutter implantieren zu lassen. Was für ein Gewinn!

In Schweden gibt es Wickeltische in öffentlichen Herrentoiletten; wie kastrierte halbe Portionen sehen mir die männlichen Landsleute dennoch nicht aus. Und Homosexuelle? Gegen deren Herausforderung, sich trotz gleichgeschlechtlicher Orientierung (ohne dass die so genannte „Natur“ – von mittelalterlicher Justiz („contra naturam“) bis Euthanasie gern gebrauchte Argumentationsinstanz – irgendein vermeintlich „schwaches“ oder „starkes“ Geschlecht prädeterminiert) Platz und Rolle zu erkämpfen, nimmt sich das vermeintliche Schicksal des durchschnittlichen Rasen mähenden und BWL studierenden Reihenhausheterosexuellen durchaus lächerlich aus.

Aber das Thema, und es muss ein populäres sein, denn nur solche landen vorne auf dem Magazin (Georg Mascolo et al.), zeigt auf, dass der durchschnittlich Beknackte deutscher Herkunft und männlichen Geschlechts mit seiner Existenz überfordert zu sein scheint. Als Ratschlag an Jene der Verweis auf die „dritte Sozialisationsphase“ (Friedrich Kron), welche besagt: Change is possible (Barack Obama), oder: Auch nach dem Erwerb der Geschlechtsreife („zweite soziale Fixierung“ – was für ein Begriff!, wieder Friedrich Kron) kann man seinen Platz in der Gesellschaft finden, einen neuen und ganz anderen als bisher.