Voll Überdruss wirft ihn kein Meer ans Land
Von Nikolai Sonntag. Lensky liebt zwar Olga, Onegin liebt dafür Tatjana umso weniger und Olga erst recht nicht. Tatjana liebt jedoch Onegin und schreibt ihm einen Liebesbrief, dessen Stil und Inhalt Onegin ihr gegenüber als pubertäre Schwärmerei eines Backfisches kritisiert, woraufhin Tatjanas Augen ein Niagarafall salziger Tränen entquillt. Onegin tanzt und flirtet darauf auf einem Ball mit Olga, Lenskys Verlobten, um Lensky das zu beweisen, was er nach seiner pervertierten Vorstellung unter Freundschaft versteht, drückt und tätschelt die Patschhändchen des Bauerntrampels und macht seinen Freund Lensky damit eifersüchtig, woraufhin dieser ihm die Busenfreundschaft kündigt. Lenskys labil-sentimentale Stimmungslage schlägt dabei sehr schnell in Wut um, besonders als Onegin zunächst dem Dichter versucht, begreiflich zu machen, dass sie beide sich weder in einer Schillertragödie noch in einem von Lenskys schwülstigen Stücken befänden. Auch Onegins Ausführungen über den Unterschied zwischen dem negativ konnotierten Adjektiv sentimental und dem Schillerschen Neologismus ‚sentimentalisch’ vermögen Lenskys Wut nicht zu lindern, zumal sich dieser wohl eher zu den Sentimentalen zählen muss, so dass es schließlich zu einem Duell kommt. Onegin stellt seine Freundschaft zu Lensky erneut unter Beweis, indem er ihn mittels eines Kopfschusses unsanft ins Jenseits befördert und anschließend den Kadaver des verendeten Trivialromanschreibers in den Fluss wirft.
Nach vielen Jahren trifft Onegin Tatjana bei einem Ball wieder. Mit der Begründung, er habe sich in sie verliebt, verlangt er von ihr, sich doch gefälligst auch in ihn zu verlieben. Da Tatjana jedoch inzwischen verheiratet ist, empfindet sie ein solches Angebot als Unverschämtheit, obwohl sie immer noch in Onegin verliebt ist und sie außerdem zugeben muss, dass die Ehe mit ihrem Mann, einem Offizier, alles andere als zufriedenstellend ist. Dennoch lässt sich Tatjana nicht erweichen und Onegin muss beschämt feststellen, wie wenig die Vorzüge seiner erotischen Gestalt und seine Verführungskünste bei verheirateten Frauen der Highsociety des ausgehenden 19. Jahrhunderts fruchten. Da hilft auch kein Aphrodisiakum. Als er entsetzt vernehmen muss, dass wegen des mit unerbittlicher Geschwindigkeit voranschreitenden Sprachwandels dieses Wort 2007 vermutlich mit f geschrieben werden müsse, ist er vollends bedient. Angewidert von den grotesken Auswüchsen deutscher Rechtschreibreform, entwirft er ein musikdidaktisches Konzept: Nicht den so genannten aufbauenden, sondern vielmehr dessen Gegenteil, den abbauenden Musikunterricht, favorisiert er für einige Zeit. Er funktioniert folgendermaßen: Zunächst werden Lernziele (Richt-, Grob-, Teil- und Feinziele) des Lehrers Schritt für Schritt abgebaut, bis er selbst nicht mehr die geringste Ahnung hat, was er in seinem Unterricht erreichen will. Anschließend werden die Schüler zu absoluter Ahnungslosigkeit erzogen, indem ihnen Schritt für Schritt Fähigkeiten und Fertigkeiten entzogen werden, bis sie am Ende nicht einmal mehr ihren Namen wissen und mit Klanghölzern und anderen Gegenständen in sinnloser Wut übereinander herfallen. Als Strafe für das Chaos, das Onegin an deutschen Schulen dadurch anrichtet, verdonnert Poseidon ihn zu einer Seereise auf einem Schiff, er wird aber niemals ans Land geworfen, was Poseidon damit begründet, er sei nicht Wagner, der so etwas erlauben würde und allenfalls eine Frau wie Circe, die ihre Freier in Schweine zu verwandeln pflegt, würde für ihn in Frage kommen. Grunzend kehrt Onegin daraufhin in seine Kajüte zurück.
Nikolai Sonntag lebt in Leipzig und studiert Germanistik, Musik und Erziehungswissenschaften.


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