Tuesday, 29. April 2008

Staatspr?ºfungen IV

Nach dem summa summarum 480-min?ºtigen schriftlichen Geschichte-Examen im M?§rz ist heute vormittag mit dem m?ºndliche Pr?ºfungsteil mein Geschichtestudium endg?ºltig zuende gegangen. Warum ich mir das Thema Augustus ausgew?§hlt h?§tte war die Eingangsfrage kurz nach 9 Uhr. Weil es in der Zwischenpr?ºfung Caesar war, sage ich, und da seit Sulla die Republik ohnehin Richtung Monarchie steuerte schl??sse der Prinzeps Augustus meine Altertumstudium so rund ab. – Und schon waren wir im Thema: Ende der res publica. Puh. Das war knapp… Und dann tangierten wir – unausgesprochener Weise – Bayreuth, denn Wolle Wagner wird, wenn seine Physis ihm das erlaubt, im August sein Amt abgeben. Im August – mit dem Monatsnamen feierten wir n?§mlich seit bald 2000 Jahren die illegale Machtergreifung des Caesar-Adoptivsohns.

Saturday, 19. April 2008

Na, det jibt’s nur im Kommunismus

‚ÄûAlles in allem, wo liegen die Vorteile jetzt?‚Äú – unwirklich-gespenstischer Videogru?ü aus dem Jahre 1988 bei Spiegel Online. Die Vorteile im Honecker-L?§ndle anno 1988? Puh, keine leichte Frage… Ein neues Wohnhaus f?ºr lau wirkt da eventuell zungel??send: ‚ÄûUnd wat kost’ euch det janze Unternehmen heute?‚Äú (1988). Einestages.spiegel.de grub, vorsichtig formuliert, suggestive Politfilmchen aus. Durchklicken lohnt sich: ‚Äûmoderne Wohnblocks‚Äú, antifaschistischer Schutzwall, Lob der Staatssicherheitsgenossen, durchsetzt mit Kindern, ‚Äûbl?ºhendem Land‚Äú (aha, damals wie heut’) und ‚Äûimmer wieder Blumen‚Äú (1961). (Unweigerlich dankt man an Unvergleichliche wie Helga M?ºller oder Fritz Bachmann, die sich in Worten und Weisen kongenial am Gesamtkunstwerk der polymedialen Politpoesie beteiligten: ‚ÄûHabt ihr das Kraftwerk schon gesehn? Es steht am gro?üen Fluss, wo jetzt das Wasser ohne Ruh Turbinen drehen muss.‚Äú Oder: ‚ÄûLieber Soldat, du tr?§gst ein Gewehr, lieber Soldat, dich lieben wir sehr. Mit Panzer und Flugzeug bist du stets bereit f?ºr uns Kinder alle im Ehrenkleid‚Äú.) Sch??n auch der Film ‚ÄûWer jetzt in redlicher Absicht…‚Äú (1979), wobei der Sprecher verwegen hinweist, eingeladen in die DDR sei nur, ‚Äûwer die in unserem Land geltenden Rechtsnormen achtet‚Äú. Dann schludert kurz sein Mundwerk stigmatistisch beim zungenbrecherischen Zentralterminus: antifaschistisch. Regionaler Dialekt, nehme ich an. Schon mal Erich Honecker ‚ÄûDeutsche Demokratische Republik‚Äú sagen h??ren? Da holpert er immer, und verk?ºrzt, mal mehr, mal weniger, die ersten beiden W??rter zu einem einzigen Spucklaut, der mit D beginnt, und mit kratisch aufh??rt (Youtube).

Thursday, 17. April 2008

Now playing

Gegens?§tze liegen so nah beieinander. In den alliierten Spruchkammern der Entnazifizierung bis 1952 beispielsweise ‚Äû?§u?üerste Brutalit?§t und ?§u?üerste Wehleidigkeit‚Äú (J??rg Friedrich), selbst der in Leipzig studierte Ralph Giordano, als Sohn einer J?ºdin Opfer der NS-Verfolgung, sah in den angeklagten sog. Belasteten ‚Äûarme W?ºrstchen‚Äú. Und so pflegt auch die FAZ Freud‚Äô und Leid auf ein und dem selben Blatt abzudrucken: vorne z.B. ‚Äûnimmt Abschied‚Äú, ‚Äûnehmen Abschied‚Äú, ‚Äûnehmen in Trauer Abschied‚Äú (von den immerselben zwei, drei Personen); hinten z.B. die Angebote von ‚ÄûDeutschlands bekannteste(r) Partnervermittlerin f?ºr Reiche, Einflussreiche und Erfolgreiche‚Äú: SIE: gerade 40 /174 (Gerade 40 geworden? Gerade noch 40?)

Eine sehr attraktive, sportlich-elegante Erscheinung, mit jenem Stil & jener Klasse, die ihre Herkunft (weltbk. Familie) verr?§t …

Weltbk. ist nach sachlicher Betrachtung nat?ºrlich jede Familie, die Schmidt hei?üt. Stil & Klasse & 40 & keine Gewichtsangabe obendrein, klingt verhei?üungsvoll. Oder dieser ‚Äì ebenfalls eher pragmatische, aber weniger bescheidene ‚Äì Aufruf An eine au?üergew??hnliche Dame…

Topmanager eines Weltkonzerts i.R., 67/190, verw. Akademiker, ?§u?üerst attraktiv mit schlanker, m?§nnlicher Figur, sportlich (Tennis, Golf), humorvoll, Kosmopolit, mehrsprachig, hochverm??gend, ein absoluter Weltklassemann mit Pers??nlichkeit, …

Die Liste setzt sich fort. Tennis und Golf d?ºrften hier weniger Auskunft geben ?ºber Sportivit?§t als hinweisen auf eine ‚ÄûHerkunft‚Äú, die von ‚Äûjenem Stil & jener Klasse‚Äú zeugt ‚Äì die Andeutungen wollen gelesen sein. ‚ÄûIm Ruhestand‚Äú z.B., hei?üt das: Zumwinkel? Die Liste h?§tte er sich sparen k??nnen, ab ‚Äûhochverm??gend‚Äú d?ºrften einige au?üergew??hnliche Damen den letzten langen Absatz bis zum Chiffre ?ºbersprungen haben. Fragt sich nur noch, was ich nachts um 23 Uhr Anzeigen aus dem Ressort ‚ÄûEhew?ºnsche‚Äú studiere, zumal in der FAZ, zumal mit der ‚ÄûGone with the wind‚Äú-Filmmusik, den aufschwingenden Oktaven und den lydischen Vorhaltsquarten der Subdominante, … Apropos vom Winde verwehte Liebschaften und hochverm??gende Erbrechtsangelegenheiten (Friedrich, J??rg, Die kalte Amnestie, Frankfurt a.M. 1984):

In M?ºnchen lief ein Verfahren gegen den Gewerbeschulrat Otto Friedrich Braun, das den Nachlass seiner Tochter Eva und seines Schwiegersohnes Adolf kl?§rte. Um Verm??gensvorteile einzubeziehen, konnten auch Tote entnazifiziert werden, was in diesem Falle auch besser so war. Der Verteidiger Eva Brauns und ihres Gatten rechnete seine Klientin zu den Entlasteten. Den F?ºhrer allerdings sch?§tzte er auf 10 Jahre Arbeitslager.

Tuesday, 1. April 2008

Voll ?úberdruss wirft ihn kein Meer ans Land

Von Nikolai Sonntag. Lensky liebt zwar Olga, Onegin liebt daf?ºr Tatjana umso weniger und Olga erst recht nicht. Tatjana liebt jedoch Onegin und schreibt ihm einen Liebesbrief, dessen Stil und Inhalt Onegin ihr gegen?ºber als pubert?§re Schw?§rmerei eines Backfisches kritisiert, woraufhin Tatjanas Augen ein Niagarafall salziger Tr?§nen entquillt. Onegin tanzt und flirtet darauf auf einem Ball mit Olga, Lenskys Verlobten, um Lensky das zu beweisen, was er nach seiner pervertierten Vorstellung unter Freundschaft versteht, dr?ºckt und t?§tschelt die Patschh?§ndchen des Bauerntrampels und macht seinen Freund Lensky damit eifers?ºchtig, woraufhin dieser ihm die Busenfreundschaft k?ºndigt. Lenskys labil-sentimentale Stimmungslage schl?§gt dabei sehr schnell in Wut um, besonders als Onegin zun?§chst dem Dichter versucht, begreiflich zu machen, dass sie beide sich weder in einer Schillertrag??die noch in einem von Lenskys schw?ºlstigen St?ºcken bef?§nden. Auch Onegins Ausf?ºhrungen ?ºber den Unterschied zwischen dem negativ konnotierten Adjektiv sentimental und dem Schillerschen Neologismus ‚Äösentimentalisch‚Äô verm??gen Lenskys Wut nicht zu lindern, zumal sich dieser wohl eher zu den Sentimentalen z?§hlen muss, so dass es schlie?ülich zu einem Duell kommt. Onegin stellt seine Freundschaft zu Lensky erneut unter Beweis, indem er ihn mittels eines Kopfschusses unsanft ins Jenseits bef??rdert und anschlie?üend den Kadaver des verendeten Trivialromanschreibers in den Fluss wirft.

Nach vielen Jahren trifft Onegin Tatjana bei einem Ball wieder. Mit der Begr?ºndung, er habe sich in sie verliebt, verlangt er von ihr, sich doch gef?§lligst auch in ihn zu verlieben. Da Tatjana jedoch inzwischen verheiratet ist, empfindet sie ein solches Angebot als Unversch?§mtheit, obwohl sie immer noch in Onegin verliebt ist und sie au?üerdem zugeben muss, dass die Ehe mit ihrem Mann, einem Offizier, alles andere als zufriedenstellend ist. Dennoch l?§sst sich Tatjana nicht erweichen und Onegin muss besch?§mt feststellen, wie wenig die Vorz?ºge seiner erotischen Gestalt und seine Verf?ºhrungsk?ºnste bei verheirateten Frauen der Highsociety des ausgehenden 19. Jahrhunderts fruchten. Da hilft auch kein Aphrodisiakum. Als er entsetzt vernehmen muss, dass wegen des mit unerbittlicher Geschwindigkeit voranschreitenden Sprachwandels dieses Wort 2007 vermutlich mit f geschrieben werden m?ºsse, ist er vollends bedient. Angewidert von den grotesken Ausw?ºchsen deutscher Rechtschreibreform, entwirft er ein musikdidaktisches Konzept: Nicht den so genannten aufbauenden, sondern vielmehr dessen Gegenteil, den abbauenden Musikunterricht, favorisiert er f?ºr einige Zeit. Er funktioniert folgenderma?üen: Zun?§chst werden Lernziele (Richt-, Grob-, Teil- und Feinziele) des Lehrers Schritt f?ºr Schritt abgebaut, bis er selbst nicht mehr die geringste Ahnung hat, was er in seinem Unterricht erreichen will. Anschlie?üend werden die Sch?ºler zu absoluter Ahnungslosigkeit erzogen, indem ihnen Schritt f?ºr Schritt F?§higkeiten und Fertigkeiten entzogen werden, bis sie am Ende nicht einmal mehr ihren Namen wissen und mit Klangh??lzern und anderen Gegenst?§nden in sinnloser Wut ?ºbereinander herfallen. Als Strafe f?ºr das Chaos, das Onegin an deutschen Schulen dadurch anrichtet, verdonnert Poseidon ihn zu einer Seereise auf einem Schiff, er wird aber niemals ans Land geworfen, was Poseidon damit begr?ºndet, er sei nicht Wagner, der so etwas erlauben w?ºrde und allenfalls eine Frau wie Circe, die ihre Freier in Schweine zu verwandeln pflegt, w?ºrde f?ºr ihn in Frage kommen. Grunzend kehrt Onegin daraufhin in seine Kaj?ºte zur?ºck.

Nikolai Sonntag lebt in Leipzig und studiert Germanistik, Musik und Erziehungswissenschaften.