Donnerstag, 3. Januar 2008

Warum tut er das bloß?

Das Examen ruft und ich übe Schubert, Sonate H-Dur op. post. 147, 1. Satz Allegro ma et cetera pp.. Mit bester Disziplin übe ich, mit allerbester. (Darum sitze ich auch schon wieder und tippe. Ähm.) Eine selten schöne Komposition! Aber für meinen klobigen Spielapparat völlig ungeeignet. Und wie es gesetzt ist. In denkbar überflüssig pianistischer Manier. Geschrieben für Leute, die es können – ich kann es nicht. Süßliches im virtuosischen Kleid. Da macht die linke Hand immer elegant bum-bum-bum quasi pizzicato, Finger vier und fünf der rechten Hand schmelz-heulen romantische Melodeien, und Finger eins bis drei derselben spielen (im szenischen Wortsinne) Bratsche: Sechzehntel-Hoch-und-runter im Geiste Albertis. Harmonische Füllstimme eben, aber irrsinnig fisselig umzusetzen: h-cis-h-cis-… einen Takt, h-ais-h-ais-… einen Takt, h-cis-h-cis-… einen Takt, et cetera. (Da beschwere sich einer über Kompositionen des 21. Jahrhunderts!) Abgesehen davon, dass dieses Stück hervorragendes Potential für Armkrämpfe und Sehnenscheidenbeschwerden in sich trägt muss konstatiert werden: romantisches Gesäusel für Könner, für Klavierkönner. Romantisch, verliebt, verklärt, … verklemmt. Was für ein Mensch muss dieser Schubert gewesen sein. Emotionales Asthma. …Letzten Endes ist es Volkstümelei. Bürgerliche Volkstümelei. Salon statt Jahrmarkt. Aber Volkstümelei. Warum tut er das bloß? Pfui,pfui! Ach ja, Examen. Üben. Dann mal los.

Mittwoch, 2. Januar 2008

Schubert bores me

Dunkles Mittelalter, Räuberburg und Fabelwesen: in einem winzigen Kino im Stadtteil Connewitz läuft „Ronja Räubertochter“. Manchmal ist’s etwas viel vom Lindgrenschen Pathos und didaktischen Wendungen (zumal der Film über zwei Stunden dauert). Aber die zwei Stunden sind voller Kurzweil und beeindrucken trotz (oder gerade wegen?) Einfachheit der filmischen und sprachlichen Mittel. Ein Kinderfilm, aber es geht explizit um Feindschaft, Freundschaft, Trennung, Loslösung, Tod. Ohne dramatischem Überbau aus Musik und Kitsch. Familien- und Emanzipationsdramen, die durchaus deren schmerzvolle Tragweite benennen, gefasst in ein herrlich spannendes Räubermärchen für Kinder. War ein schöner Nachmittag, dort in der Filmbar Prager Frühling.

Lovis, die Mutter, putzt und wäscht – ohne in sexistische Klischees zu geraten, im Gegenteil, sie verkörpert die wahre Autorität und Vernunft im Räuberhaufen. (Dagegen gestern ein Hera Lind-Hörspiel auf Deutschlandradio Kultur. Mama versus Papa und Sohn („die Männer“, „meine Kerle“… Rhabarber.) Die letzte Grütze!) Mattis, Räuberhauptmann und Vater, ist naiv, unmittelbar emotional und erhebt Anspruch, „stark wie ein Bär“ zu sein. Als Anführer wird er respektiert, gar gemocht, und die Rolle ist ihm wichtig – so häufig er ihr auch nicht gerecht werden kann weil er sich an der Nase herumführen lässt, vom Pferd ins Gestrüpp stürzt, von seiner Frau gemaßregelt wird. Mattis erträgt nicht, dass Ronja, elfjährig, mit ihm bricht und auszieht: er wird depressiv. Ronja und der gleichaltrige Birk hingegen erkennen schnell ihre eigenen Vorstellungen und distanzieren sich konsequent von ihren Eltern. Sie reflektieren, können Konflikte zwischen sich lösen; und wenn Birk und Ronja am Ende des Films zum Träumen auf den untersten Streben der schlichten Brücke baumeln, welche die Burgenhälften verbindet, unter sich eine gewaltige Schlucht, oder wenn sie nach dem Baden im See nackt am Ufer nebeneinander liegen und Birk sich aufrichtet um liebevoll Ronjas Haare zu streicheln – dann äußert sich der anarchische und sozial-utopische Geist, der seit der Pipi Langstrumpf, d.h. 1949 (bzw. 1945 in Schweden), durch Lindgrens Werke weht. Ein Räuber- und Ritterfilm für Kinder: so echt und anrührend wissend. Hach ach. Seufz. Im Gegensatz zu Schubert, denk ich fast. … Ich gehe mal üben.