christlich [a]ngehaucht
Aus aktuellem Anlass frage ich mich, warum Philippe de Vitry seiner Motette folgenden kuriosen Namen gab: “In nova fert / Garrit gallus / [N]euma”. “[N]euma”? Wieso ist das N eingeklammert? Wenn man meint, die Ars subtilior hätte derart Komplexes hervor gebracht, dass beispielsweise Zacharias’ Sumite carissimi manchem Wissenschaftler als das schwierigste Stück der Musikgeschichte bis zum Serialismus im 20. Jahrhundert galt – dann dürfte man mit Fug und Recht behaupten, die Ars nova griff mit ihren Kompositionstiteln die abgefahrene Betitelungspraxis der so genannten “Neuen Musik” im 20. Jahrhundert vor (”…AUF… II” von Mark André oder “No. 37b” von Richard Ayres oder “oo0O0oo” von Andrés Maupoint).
Noch was Heiteres für jedermann: Deutschlandradio Kultur befragt seine Hörer zu einer Mumien-Ausstellung. Hörerbefragungen gehören sowieso längst zu meinen Radio-Favourites. Aber der Herr hier war gerade hervorragend. „Man soll die Toten Toten (sic) sein lassen. Ich bin auch christlich angehaucht (sic).“ Angehaucht, ja? :-D Feine Sache fürn verregneten Freitag.


1 Kommentar:
Hi Stefan,
bin auf deine Seite gestoßen, als ich nach Magister Zacharias gesucht hab! Was für ein Zufall. Da will ich mich – da ich nun einmal hier bin – auch nicht lumpen lassen, Anregung zur Beantwortung der noch offenen Frage zu hinterlegen.
In meiner Literatur ist nicht das [N], sondern das [euma] geklammert. In jedem Fall aber ist es unwahrscheinlicher, dass hier ein Kunstgriff Philippe de Vitrys vorliegt als eine Entsprechung der gängigen wissenschaftlichen Rezeptionspraxis, weggelassene oder nicht mehr lesbare Teile unter adäquater Kennzeichnung zu ergänzen.
Bis heute abend!
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