Montag, 23. Juli 2007

„Schlechtester Expressionismus!“

Vorlesungsfreie Zeit? Weit gefehlt! Heute begann um 9 Uhr mein letztes Blockseminar dieses Sommersemesters. Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag sprechen wir bis in den späten Nachmittag über Hochbegabtenförderung. Angeleitet wird das Seminar durch Herrn Dr. Werner Esser, Schulleiter des jungen Landesgymnasiums St. Afra zu Meißen. Angesichts der sommerlichen Wärme war die Hälfte der Teilnehmer allerdings heute früh bereits schon abgesprungen. Umso familiärer die Seminarsstimmung mit nur 12 Teilnehmern. Ich eröffnete den Referate-Marathon (ein Teilnahmeschein kostet 90 Minuten Moderation) über „Rebellion und Jugendbewegung“, mit Augenmerk auf den Reformpädagogen Gustav Wyneken und dessen Schul- und Internatskonzepte. Dass Wyneken, unbewusst bereits im Geiste aufkommender NS-Ideologie (er selbst war 1914 zwar Kriegsbefürworter, hatte als Pädagoge jedoch zahlreiche jüdische Zöglinge um sich gehabt und sprach sich nach der Ermordung Walter Rathenaus 1922 offen für erzieherische Arbeit gegen die „Gefahr von rechts“ aus), ein klassizistisches („schönes“) Körperideal predigte, ist Faktum. Dass er Freikörperkultur (sprich: Nacktheit) zu einem Kennzeichen seiner Freien Schulgemeinde in Wickersdorf machte, fraglos. Herr Esser war mit mir sogar einig, dass Wynekens Arbeitsschwerpunkt Sexualerziehung, sein Austausch mit dem Berliner Sexualtheoretiker Magnus Hirschfeld, einem „Outing“ gleich kam; oder seine Veröffentlichung „Eros“ von 1921 schlichtweg seine Homophilie sublimierte. Allein, von Wynekens (* 1886) sexuellen Übergriffen auf seine Schüler, seiner Liebschaft mit einem Zögling 1931 – 1934 (nach seiner Suspendierung wegen ebendieser Schüler-Angelegenheit), oder der Tatsache, dass das englische Wikipedia zum Thema Gustav Wyneken vor allem auf die deutsche Homosexuellenbewegung oder homoerotische Aspekte der frühen deutschen Jugendbewegung zu sprechen kommt, und als thematischen Hauptverweis am Ende des Artikels einzig und allein „Historical pederastic couples“ (von Hadrian & Antinous bis Sergei Diaghilev & Boris Kochno) aufführt – davon mochte Herr Esser nicht soviel geredet haben. „Das hat so einen Zungenschlag…“, winkte er das Thema ab. Als Internatsleiter befürchtet man, derlei Geschichte regten unappetitliche Vorurteile an. „Yellow Press!..“, also BILD- und Oscar Wilde-Geschwätz.

(Anmerkung: Das Urteil „schlechtester Expressionismus“ galt dem präfaschistisch-goebbelesken Tonfall einer Rede des Reformpädagogen Robert Oelbermann von 1921 – nicht Wynekens „Pädagogischem Eros“, nicht einer Klinger-Darstellung Ganymeds. Die Zeichnung zeigt eine zeitgenössische Wandervogel-Darstellung von Fidus, bürgerlich: Hugo Höppener.)

2 Kommentare:

(Nr. 205) Alexander Reisewitz am 16.3.2009 um 22.32 Uhr:

Wessen Ausspruch ist der “schlechteste Expressionismus”? Robert Oelbermann als Reformpädagogen zu bezeichnen, zeugt jedenfalls von krasser Unkenntnis der Geschichte der Jugendbewegung.

Gruß
A. Reisewitz


(Nr. 206) Stefan Beyer am 16.3.2009 um 23.23 Uhr:

Ich danke für die Anmerkung. Meine diese Einordnung von damals verorte ich allerdings in meinem ersten Leben, sodass ich heute, im zweiten angekommen, noch weniger sachkundlich zu deinem Einwurf Stellung beziehen kann als zuvor. Ich halte es für gut denkbar, Oelbermann falsch etikettiert zu haben.

Der schlechteste Expressionismus war das Urteil unseres Seminarleiters, Dr. Werner Esser. Essers Kommentare waren köstlich.

Stefan Beyer


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