„Gottfried Seelenlos“ – H??rspiel auf Deutschlandradio Kultur
Am Sonntag letzter Woche (resp. vor acht Tagen) brachte die Kindersendung Kakadu auf Deutschlandradio Kultur ein herrliches H??rspiel! Zuf?§llig nur kriegte ich es mit w?§hrend ich mein Jugendbewegung-Referat vorbereitete. Eine lustige Geschichte, welche mir meine Quellentexte ?ºberstehen half. ‚ÄûGottfried Seelenlos‚Äú hie?ü das H??rspiel und war die Adaption aus einer gro?üen Weimarer M?§rchensammlung. Guter, aber allein erziehender K??nig verliert seine h?ºbsche Tochter an den finsteren und ungeheueren Burgherren Seelenlos, der jenseits des K??nigreichs auf einem dunklen Berg haust. Zu ihrer Rettung macht sich als bald ein Musikant auf… ‚ÄûZum Verzehr‚Äú will Seelenlos die ‚Äûminderj?§hrige‚Äú Prinzessin. Nix Jungfrau – unter 18 muss sie sein. Und ‚ÄûVerzehr‚Äú meint Seelenlos wirklich im kulinarischen Sinne. Minderj?§hrige zum Verzehr gesucht, das klang zu Anfang des H??rspiels dr??ge jugendfrei. Aber dann kamen mit der Zeit die subtilen Heiterkeiten! Umso komischer n?§mlich, wenn beim Ausruf des k??niglichen Herolds von Verzehr keine Rede mehr ist, sondern dieser verk?ºndet, dem Retter der Prinzessin w?ºrde jene ‚Äûzum eigenen Gebrauch‚Äú versprochen. Eigener Gebrauch. Kicher, kicher.
In der Tat will Seelenlos die Prinzessin essen, das hat eine lange Vorgeschichte, mit dunklem J?§ger, verkaufter Seele und so weiter. Seelenlos‚Äô K?ºche ist seit dessen neusten Gel?ºsten auf junge T??chter bestens ausgestattet, bei der ersten Besichtigung staunt die Prinzessin sogar naiv: ‚Äûso sch??ne Hackebeilchen‚Äú, fordert aber ein: ‚ÄûBitte keine Klischees‚Äú, wie die Frau geh??re an den Herd ‚Äì ebenfalls komisch. An anderer Stelle im H??rspiel suchen Musikant und Prinzessin nach des Burgherren versteckter Seele und machen sich auf, in die Burgbibliothek zu schleichen. Einen gel??sten Umgang mit Alkohol weist hierbei der Musikant auf: ‚Äû Diesen Ros?© nehmen wir zum besseren Nachdenken mit!‚Äú Beim St??bern finden sich in den Regalen kuriose Buchtitel wie: ‚ÄûEin Gartengrill erz?§hlt‚Äú oder: ‚ÄûWienerschnitzel XXL‚Äú. Mit der Rettung wird es eng und dringend: die Mast der K??nigstochter verl?§uft erfolgreich ‚Äì was auch am Selbstwertgef?ºhl des M?§dchens r?ºttelt: ‚ÄûTut mir leid, wenn ich etwas unkonzentriert erscheine. Aber vor dem 75. Kilo kann frau schon etwas wehm?ºtig werden.‚Äú
Der Musikus, welcher es l?§ngst auf die Prinzessin abgesehen hat, bringt st?§ndig doppeldeutige Anmerkungen bei. Der nun mehr dicklichen Prinzessin redet er gut zu: ‚ÄûIhr seid appetitlich, so wie Ihr seid!‚Äú Als er in letzter Minute Seelenlos hereinzulegen und in dessen Burg einzudringen versucht – der Prinzessin steht ihr Gang zur K?ºche kurz bevor – fragt er diesen an der T?ºr, gar nicht mal l?ºgend, ob er wohl glaube der Einzige zu sein, ‚Äûder Appetit auf zarte Prinzessin‚Äú hat. Damit kann der Verkleidete ?ºberzeugen. (Der erste Versuch war gescheitert: ‚ÄûIch bin Seelenlos, nicht hirnlos.‚Äú)
Die Geschichte geht gut und gl?ºcklich aus. Der Gedanke der d?ºmmlichen Prinzessin allerdings wird im Drehbuch bis zum Ende weiter gef?ºhrt. Der Musikant k?ºndigt ihr die Hochzeit mit seiner Liebsten an, worauf sie zur?ºck gibt: ‚ÄûAlso du hast eine Liebste? Und mir machst du Komplimente und zweideutige Angebote?‚Äú H??h??. Kakadu ist eine feine Sache!
Vorlesungsfreie Zeit? Weit gefehlt! Heute begann um 9 Uhr mein letztes Blockseminar dieses Sommersemesters. Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag sprechen wir bis in den sp?§ten Nachmittag ?ºber Hochbegabtenf??rderung. Angeleitet wird das Seminar durch Herrn Dr. Werner Esser, Schulleiter des jungen Landesgymnasiums St. Afra zu Mei?üen. Angesichts der sommerlichen W?§rme war die H?§lfte der Teilnehmer allerdings heute fr?ºh bereits schon abgesprungen. Umso famili?§rer die Seminarsstimmung mit nur 12 Teilnehmern. Ich er??ffnete den Referate-Marathon (ein Teilnahmeschein kostet 90 Minuten Moderation) ?ºber ‚ÄûRebellion und Jugendbewegung‚Äú, mit Augenmerk auf den Reformp?§dagogen Gustav Wyneken und dessen Schul- und Internatskonzepte. Dass Wyneken, unbewusst bereits im Geiste aufkommender NS-Ideologie (er selbst war 1914 zwar Kriegsbef?ºrworter, hatte als P?§dagoge jedoch zahlreiche j?ºdische Z??glinge um sich gehabt und sprach sich nach der Ermordung Walter Rathenaus 1922 offen f?ºr erzieherische Arbeit gegen die ‚ÄûGefahr von rechts‚Äú aus), ein klassizistisches (‚Äûsch??nes‚Äú) K??rperideal predigte, ist Faktum. Dass er Freik??rperkultur (sprich: Nacktheit) zu einem Kennzeichen seiner Freien Schulgemeinde in Wickersdorf machte, fraglos. Herr Esser war mit mir sogar einig, dass Wynekens Arbeitsschwerpunkt Sexualerziehung, sein Austausch mit dem Berliner Sexualtheoretiker Magnus Hirschfeld, einem ‚ÄûOuting‚Äú gleich kam; oder seine Ver??ffentlichung ‚ÄûEros‚Äú von 1921 schlichtweg seine Homophilie sublimierte. Allein, von Wynekens (* 1886) sexuellen ?úbergriffen auf seine Sch?ºler, seiner Liebschaft mit einem Z??gling 1931 ‚Äì 1934 (nach seiner Suspendierung wegen ebendieser Sch?ºler-Angelegenheit), oder der Tatsache, dass das englische Wikipedia zum Thema Gustav Wyneken vor allem auf die deutsche Homosexuellenbewegung oder homoerotische Aspekte der fr?ºhen deutschen Jugendbewegung zu sprechen kommt, und als thematischen Hauptverweis am Ende des Artikels einzig und allein ‚ÄûHistorical pederastic couples‚Äú (von Hadrian & Antinous bis Sergei Diaghilev & Boris Kochno) auff?ºhrt ‚Äì davon mochte Herr Esser nicht soviel geredet haben. ‚ÄûDas hat so einen Zungenschlag…‚Äú, winkte er das Thema ab. Als Internatsleiter bef?ºrchtet man, derlei Geschichte regten unappetitliche Vorurteile an. ‚ÄûYellow Press!..‚Äú, also BILD- und Oscar Wilde-Geschw?§tz.
