Samstag, 28. April 2007

Wolkenlosen Himmer über Leipzig

…meldet der Deutsche Wetterdienst in seiner letzten Auskunft um sechs Uhr früh. Herrliche Sache, denn gleich geht es auf Odyssee übers mitteldeutsche Flachland “auf den Spuren von Gustav Adolf”. Allerlei winzigste Ortschaften liegen zwischen Leipzig und Weißenfels, in derer Gegend Generäle verwundet, des Schwedenkönigs Leichnahm gereinigt, auf Äckern Völkerschlachten gefochten, und ein Nietzsche geboren wurde. In Röcken, Großgörschen, Rippach und Lützen gedenken wir historische Luft zu atmen. In diesem Sinne schwingen wir uns nun aufs Radl!

Donnerstag, 12. April 2007

Es möge nutzen

Nehmen wir an, eine Schulklasse machte sich auf, die umliegende Natur wandernd zu erkunden. Eingelaufener Schuhe und gut sitzender Rucksäcke bliebe, Nationalsozialismus hin oder her (nicht polyphon, dafür braun: deutsch-nationale Klassiker 1 und 2), ein typischer Effekt nicht aus: die Schüler begännen zu singen. Ein schlichter Kanon, ein pfiffiges Quodlibet – die ins Land gehenden Stunden (haha, ins Land gehend, wie die Schüler, ebenfalls ins Land gehend) täten den immerselben Melodien und dem alsbald zu Waldboden genudelten Liedtext keinerlei Abbruch, im Gegenteil: Schwierigkeiten mit Sprüngen und Läufen und Einsätzen wichen mehr und mehr einem selbstvergessen Musikkontinuum, einem gleichsam meditativen Weltharmonieempfinden. Die Singenden erreichten, nach den vorausgegangen Stufen des lustvollen Lärmens und Plärrens an sich sowie des frohsinnigen vollkehligen Musizierens, einen selbstzweckhaften Singezustand, sie verlören sich selbst im Gesamtklang, der Gemeinsamkeit und dem Ganzen. Es enstünde nicht zwangsläufig Kunst – aber jenes, was der zeitgenössische Musikdidakter als einen erfüllten ästhetischen Wahrnehmungsvollzug (einen kontemplativen!, das ist wichtig, einen kontemplativen!) zu bezeichnen wüsste. Ästhetisch, weil sich im Beispiel das Singen selbst genügt; erfüllt, weil das Singen der Schüler vollen Herzens geschieht; kontemplativ, weil die Abwesenheit von Geist und Sinn Voraussetzung ist (eine weitere Parallele zur NS-Singekultur); Wahrnehmungsvollzug, weil es was mit Wahrnehmung, und was mit Vollzug zu tun hat. Wahrnehmung im Sinne von Sinn, also Sinnlichkeit (doch Sinn?), Vollzug… naja, nichts mit JVA oder so. So, liebe Leser, ihr merkt’s, das Pils friert mein Großhirn ein, da geht sprachlich einfach gar nichts mehr. Goldener Schluss der Sache jedenfalls: diese Angelegenheit ist Hauptstudenten der Schulmusik zu verklickern. Von Glück spreche, wer dies nicht tun muss. Prosit.

Sonntag, 8. April 2007

Musik und Gegenwart 2007-Symposium in Leipzig

Nicht verpassen: acht Referenten sammeln sich am Freitag und Samstag, d. 13. und 14. April, in der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig zum “Musik & Gegenwart”-Symposium. Die offizielle Ankündigung:

Diese Veranstaltung versteht sich als offenes Diskussionsforum zu Fragen des künstlerischen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Orts der Musik in der möglichst unmittelbaren Gegenwart. Was diese im Frühjahr 2007 bewegt, wird von Gästen aus der Stadt und von außerhalb interdisziplinär umkreist, problematisiert und analysiert gebracht – aus den Bereichen der Philosophie, der Musikkritik, der Wissenschaft, der Komposition und der Literatur. Eingeladen sind nicht nur alle Studierende und Lehrende der Hochschule für Musik und Theater, sondern alle Neugierige, Gesprächsoffene und Zuhörengewillte von nah und fern.

Für Kaffee in ausreichender Menge wird gesorgt sein. Referiert und diskutiert wird am Freitag von 9.00 bis 17.30 Uhr (anschließend Konzert 19.30 Uhr) und am Samstag von 9.30 bis 14.00 Uhr. Die offizielle Referentenliste:

Eske Bockelmann, Philosoph, lehrt an der Technischen Universität Chemnitz, wichtige Buchpublikation: Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens

Sebastian Claren, Komponist, wichtige Buchpublikation: Neither. Die Musik Morton Feldmans

Harry Lehmann, Philosoph, wichtige Buchpublikation: Die flüchtige Wahrheit der Kunst. Ästhetik nach Luhmann

Sebastian Klotz, Professor für Musikwissenschaft an der Universtität Leipzig, wichtige Buchpublikation: Kombinatorik und die Verbindungskünste der Zeichen in der Musik zwischen 1630 und 1780

Ulrich Holbein, Schriftsteller, wichtige Buchpublikation: Der belauschte Lärm

Claus-Steffen Mahnkopf, Komponist und Autor, Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, wichtige Buchpublikation: Kritische Theorie der Musik

Julia Spinola, Musikkritikerin, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wichtige Buchpublikation: Die großen Dirigenten unserer Zeit

Christoph Türcke, Philosoph, Professor für Philosophie an der Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig, wichtige Buchpublikation: Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation

Samstag, 7. April 2007

Nunc vobis subnotum sit

Dank der tapferen WordPress-Kollegen von wordpress-deutschland.org funktioniert die Kommentarfunktion endlich wieder. Der Leser darf wieder mitschreiben. Das Bild zeigt den großen Lesesaal der Leipziger Unibibliothek “Albertina”, als ich dort vergangene Woche Lollii Cladis causa Seminararbeit schrieb.

Freitag, 6. April 2007

Schlusslicht Lehramt Geschichte

In ZEIT Campus entdecke ich das “Hochschulranking 2006/2007″ vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Das Fach Geschichte für Lehramt der Uni Leipzig ist leider nur mit Zahlen von 2004 vertreten – ist aber umso umwerfender. Im Kompaktranking, welches im Überblick differenziert zwischen Spitzen- (grün), Mittel- (gelb) und Schlussgruppe (rot), zeigt sich die Leipziger Ausbildung in desolatem Zustand: alle vier von Studenten beurteilten Merkmale (Studiensituation insgesamt, Studienorganisation, Kontakt zu den Lehrenden, Bibliotheksausstattung) sind rot als “Schlussgruppe” ausgezeichnet – die Kategorie “Kontakt zu den Lehrenden” außerdem mit dem Zusatz “Absteiger” versehen. Upsi.

Donnerstag, 5. April 2007

Über die Zumutung Bahn zu fahren

Gerade sitze ich im Zug und juckele, rückwärts zur Fahrtrichtung, oh je, mit dem RE von Halle (Saale) nach Halberstadt. Es ist 21 Uhr, just passiere ich die malerischen Ecken zwischen Sanders- und Aschersleben – allein, die Landschaft präsentiert sich nachtverhangen und verhindert, Sachsen-Anhalt genussvoll und zweckfrei („kontemplative ästhetische Wahrnehmung“, nach Martin Seel) durch das Fenster zu betrachten. Dass ich hier sitze, ist nicht selbstverständlich, sah doch der Ticketautomat der Deutschen Bahn für diesen Abend zunächst keine preisgünstigen (preisgünstig?) Zugverbindungen mehr. Warum stimmen die Fahrpläne an den Fahrkartenautomaten der DB nicht? Es ist wirklich allzu kurios: im Internet sind allerlei Zugverbindungen, und was für gruselige…, zu finden, welche der Automat aber völlig verschweigt. Erstellt die Bahn die Pläne mit zweierlei Methoden? Recherchierte man nicht zuvor gründlich über seine Reisemöglichkeiten, um pünktlich zum Karfreitagszauber daheeme zu sein, bliebe einem ahnungslos bahnnutzenden Wahlleipziger unnötiger Weise noch bis Karsamstag der Westausflug versagt. 2:40 h reiste ich ehemals, bei nur einem Umstieg! (die Menge scheint mir erträglich), um von Leipzig Bad Harzburg zu erreichen. Heute veranschlagt die Deutsche Bahn, bei drei Umstiegen, etwas mehr als vier Stunden (ausgenommen, man verlässt sich auf die Automaten – für meine heutige Fahrt schlug mir die Bahn eine Verbindung von acht Stunden vor, so zwischen 22 und sechs Uhr).

So klingt’s im Osten: Klangeindruck aus dem Regionalexpress in der Gegend von Sandersleben (live am 5. April gegen 20 vor neun).